November 1991 – Damals: Der Fahrkartenschwarzmarkt

Aktualisiert vor

Erfahrungen mit dem Fahrkartenschwarzmarkt

Manches ist heute definitiv besser geworden beim Reisen in China. In den 1990er Jahren gab es immer noch etliche Erschwernisse, die das Leben als Backpacker in China teilweise extrem kompliziert haben.

So gab es damals noch die sog. FEC Foreign Exchange Certificate, eine besondere Währung, die man beim Umtausch vom Devisen erhielt. Dabei gab es erheblich unterschiedliche Raten. Wenn man offiziell 100 USDollar in FEC umtauschte bekam man rund 100 Yuan FEC. Tauschte man diese auf dem schwarzen Markt, bekam man 150 Yuan RMB oder später bis zu 190 Yuan RMB.

Für die Chinesen waren FEC attraktiv, weil sie nur mit diesen Westware in den Freundschaftsläden kaufen konnte. Im täglichen Leben, wenn man z.B. auf dem Markt einkaufte oder in einem Restaurant bezahlte, dann war der Preis gleich, egal ob man in FEC oder RMB bezahlte. Also eindeutig ein großer Nachteil für den Ausländer, der eigentlich nur in FEC bezahlen durfte.

Dementsprechend nutzte man als Backpacker gerne den blühenden Schwarzmarkt. Bei den Backpacker-Hotels wurde man ständig angesprochen „Change Money“. Das war dann immer ein aufregender Akt, denn jeder wusste, dass auch die Polizei diese Stellen im Auge hatte.

Hardsleeper

Hardsleeper

Fahrkartenschwarzmarkt

Genauso gab es die Regel, dass Ausländer ihre Fahrkarten, die es damals zu einem speziellen (hohen) Ausländerpreis gab, in FEC bezahlten. Mit anderen Worten: wenn man an einer der offiziellen Stellen eine Fahrkarte kaufte, war die Fahrkarte nicht nur sowieso schon teurer, sondern kostete noch mal mehr wegen der FEC.

Der ganz besondere Trick: Bei den offiziellen Stellen, also CITS-Reisebüros und spezielle Ticketschalter am Bahnhof für Ausländer, bekam man in der Regel nur Softsleeper-Tickets, also 1. Klasse. Natürlich führte auch dies zu einem regen Schwarzmarkt. Denn letztlich war es dann im Zug egal, was für eine Fahrkarte man vorzeigte. In besonderen Cafes konnte man gegen eine kleine „Gebühr“ Chinesen-Fahrkarten bekommen. Das hatte es in sich, denn diese Fahrkarten waren nur auf Chinesisch beschriftet. Da musste man schon genau hingucken, um zu prüfen, ob die Fahrkarte auch für das richtige Ziel war.

Auch an vielen anderen Stellen gab es die Regel „Ausländer zahlen doppelt“: Spezielle Eintrittspreise für Museen und Sehenswürdigkeiten. Ja manchmal meinten auch private Limonadenverkäufer usw., sie müssten von einer Langnase doppelte Preise verlangen. Da half nur eisernes Verhandeln. Viele Gespräche unterwegs in China kreisten um die besten Möglichkeiten, billige Tickets und gute Preise zu bekommen. Eigentlich ätzend. Aber auch ich hab mich immer über diese staatlich verordnete Abzocke geärgert.

FEC Foreign Exchange Certificate

FEC Foreign Exchange Certificate

Die FEC wurden 1994 abgeschafft. Danach normalisierten sich auch die übrigen Preise. Heute gibt es keine speziellen Eintrittspreise mehr für Westler. Obwohl ich das eigentlich fast immer eingesehen habe. Denn die Einheimischen hatten sehr viel weniger Geld zur Verfügung als die Backpacker. Auch heute noch gibt es bei bestimmten Museen und Parks, z.B. Kohlehügel in Peking, spezielle preiswerte Jahreskarten für die Einheimischen. Das ist auch gut so.

Fahrkartenschwarzmarkt vermeiden war möglich!

Die Diktatur, Westler zur Ersten Klasse-Fahrt zu zwingen, hatte schon in den 1990er Jahre seine Wirkung verloren. Wenn es einem gelang, am Bahnhof eine Fahrkarte zu ergattern, dann waren auch Hardsleeper oder Hardseat möglich. Aber nicht immer und nicht überall konnte man seine Fahrkarte am Bahnhof kaufen. Und davon handelt meine Geschichte heute.

Aus meinem Reisetagebuch 1991

1991 Kunming – Fahrkartenschwarzmarkt

Ich bin ein wenig des Reisens müde, fühle mich krank und von ständigen Bauchschmerzen geplagt. Deshalb habe ich beschlossen, mit dem Zug direkt weiter nach Guilin zu fahren. Von allen anderen Travellern höre ich in Kunming nur, dass es fast unmöglich ist, eine Fahrkarte für Hardsleeper nach Guilin zu bekommen. Trotzdem mache ich mich auf zum Bahnhof.

Ich habe die kleine Hoffnung, dass ich früher oder später auf jemanden treffe, der mir ein Ticket zum Chinesenpreis – natürlich mit Aufschlag – verkaufen würde. Doch als ich am Bahnhof ankomme, gibt man mir die Auskunft, dass der entsprechende Schalter erst gegen 14:00 Uhr geöffnet wird. Ich rechne mir kaum Chancen auf ein Ticket aus und kehre um. Soll ich wirklich um 14:00 Uhr noch mal zum Bahnhof gehen?

Begegnung mit dem Fahrkartenschwarzmarkt

Auf dem Weg zurück in die Stadt spricht mich tatsächlich ein junger Mann an. Nach ein wenig Smalltalk fragt er mich, ob ich eine Fahrkarte bräuchte. Ich sage ja. Er erzählt mir eine lange Geschichte über einen Bruder, der eigentlich nach Guilin fahren wollte, aber seine Fahrkarte nun doch nicht braucht. Er bietet mir die Fahrkarte zu einem Preis an, der nicht viel unter dem Preis des staatlichen Reisebüros liegt. Darauf mag ich mich nicht einlassen. Er versucht, mich mit der Aussage zu beeindrucken, dass es aussichtslos wäre, eine Fahrkarte am Bahnhof zu bekommen.

Ich schlage die Zeit bis zum Nachmittag damit tot, dass ich herumlaufe und überlege, was ich mache, wenn ich kein Ticket bekomme. In mir wächst die Idee zu fliegen. Ich habe keine Lust auf 36 Stunden Bahnfahrt (Anm. 2015: Heute dauert die Bahnfahrt “nur noch” 18 – 20 Stunden). Die Aussicht auf einen kurzen Flug wirkt verlockend.

Um 14:00 Uhr bin ich pünktlich zurück am richtigen Fahrkartenschalter. Ich sehe gleich, dass noch zwei junge Westler dort warten und auch ein paar Chinesen. Doch die Schlange ist merkwürdigerweise nicht sehr lang. Das Fenster ist auch noch nicht geöffnet. Ich gebe mein letztes Bisschen Hoffnung auf. Eine Weile unterhalte ich mich mit den beiden Briten und sage ihnen, dass hier wohl wenig Aussichten auf Fahrkarten bestehen, dass sie aber sicher außerhalb des Bahnhofs Schwarzmarktickets bekommen würden.

Da kommt ein junger Polizist auf uns zu und fragt uns barsch auf Chinesisch, was wir wollen. Ich versuche, ihm zu sagen, dass wir darauf warten, dass der Schalter öffnet, und dass wir Fahrkarten kaufen wollen. Seine einzige Antwort ist ein lautes „mei you!“ (gibt’s nicht!) Dann versucht er, uns mit seinem Körper von dem Schalter wegzudrängen. Natürlich sammelt sich sofort eine Menge Chinesen um uns, die uns mit großen Augen und offenen Mündern anstarrt.

Im Hardsleeper

Hardsleeper – Blick aufs oberste Bett

Wir sind ziemlich erstaunt über den rüden Ton des Polizisten und wissen auch nicht genau, ob wir ihn richtig verstehen. Also versuchen wir zu verhandeln. Es gibt auch gleich jemand, der versucht uns zu erklären, dass wir um 16:00 Uhr noch mal kommen sollen. Dann gäbe es die Tickets! Ich fühle mich nur veräppelt.

Wir erregen Aufsehen. Dem Polizisten wird das alles zuviel. Er drängt uns aus der Bahnhofshalle unter Einsatz seines ganzen Körpers. Er packt den einen Briten sogar an der Jacke. Wir haben keine Lust mehr auf den ganzen Aufstand und geben nach. Die Jungs machen sich auf die Suche nach dem Fahrkartenschwarzmarkt und ich gehe in die Stadt.

Auf dem Weg komme ich am Büro der CAAC, der Chinesischen Fluggesellschaft, vorbei. Ich gehe kurzentschlossen hinein und kaufe in kürzester Zeit mein Ticket für übermorgen nach Guilin. Das ist gar nicht so viel teurer als das Touristenbahnticket.

Dann treffe ich Marion in ihrem komfortablen Hotelzimmer. Ich erzähle ihr von den Vorfällen mit dem Polizisten. Sie ist auch ganz erstaunt. Eigentlich ist das alles ganz merkwürdig und unglaublich. Wahrscheinlich verdient er sein Geld damit, dass er vor allem die Chinesen wegscheucht.

Ich erfahre später von anderen Reisenden, dass sich die Leute, die Fahrkarten haben wollen, auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof versammeln müssen. Nur Auserwählte haben die Möglichkeit, dann eine Fahrkarte zu kaufen. Das Auswahlkriterium ist klar: Geld.

Und heute? 2017

Fahrkartenschwarzmarkt gibt es nicht mehr!

Züge von Kunming nach Guilin im August 2017

Update Mai 2017
Die Hochgeschwindigkeitszüge verändern das Reisen in China gewaltig: Der schnellste Zug von Kunming nach Guilin braucht heute nur noch knapp 5 Stunden!!! Und man kann sich die Fahrkarten bequem über das Internet kaufen! Von solchem Komfort konnte ich damals 1991 nicht einmal träumen. Dafür reichte meine Phantasie nicht aus. Den Fahrkartenschwarzmarkt gibt es nicht mehr.

Zur vorherigen Etappe: 7.11. – 14.11.1991: Lijiang: Und noch ein Paradies!

Die Reise geht weiter nach Süden: 15. – 29.11.1991: Reisebericht aus Südchina: Meine Laune fährt Achterbahn

Schon 1987 habe ich in Chengdu Erfahrungen mit dem Fahrkartenschwarzmarkt gemacht.

Wie alles begann

Ulrike

Jahrgang 1955. Mehr als 30 Jahre Reise-Erfahrung in China und Asien. China-Expertin bei feel China. Lasst Euch von meinen Erfahrungen inspirieren! Nicht nur über China! Weitere Themen: Museen, Hamburg, Hannover, Rom, Paris, London u.v.m.
Ich freue mich über Eure Kommentare!
Ulrike

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8 Kommentare

  • Kurzer Hinweis: “schon in den 19990er Jahre”
    Sorry, schäbischer Düpfelesschisser 😉

    lg Peter

  • Das waren ja seltsame Zustände – und die Situationen wohl manchmal mehr als heikel! (Man wurde auch schon ganz schön ausgenommen!) War dir nicht manchmal mehr als unwohl, Ulrike? Gar nicht immer Angst (die du ja hier im Blog oft separat ansprichst), mehr unsichere Aussichten, Änderungen, verbale “Bedrohungen”. Mir wäre das alles höchst dubios vorgekommen.

    LG Michèle

    • bambooblog

      Liebe Michele, so schlimm war das auch wieder nicht. Es war eigentlich immer nur ärgerlich. Es war wie Sport, die Change Money-Leute auszutricksen. Letztendlich war das Reisen in China insgesamt sehr preiswert. Unwohl war mir höchsten, wenn ich meinen “Reichtum” im Verhältnis zu der Armut der Einheimischen sah. Dann mochte ich auch manchmal nicht handeln. Aber Change-Money-Leute oder die Fahrkartenverkäufer auszutricksen machte Spaß. Unsicherheit? Naja, man wusste doch sowieso nie, ob man das gewünschte Ticket zum gewünschten Zeitpunkt bekommen würde. Dafür habe ich auf meinen Reisen immer Zeit einkalkuliert. Meine erste auf dem Schwarzmarkt gekaufte Fahrkarte 1987 machte mir Probleme und auch Sorgen, aber erst als ich merkte, dass sie gar nicht bis Guilin gültig war und ich beinahe in irgendeinem Kaff drei Stunden vor Guilin aus dem Zug geschmissen wurde. Doch mit ein wenig Freundlichkeit und ein wenig “Ich arme dumme Touristin” konnte ich nachzahlen und bis Guilin mitfahren. Ach, ich könnte noch so einige Geschichten erzählen! Kommt vielleicht noch. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende – Ulrike

  • Das Verhalten des Polizisten ist sehr dubios und wenig gastfreundlich.

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