Grauenhaft: Mein erster Tag in China

Ich finde es besonders spannend, die Entwicklung China  seit mehr als 30 Jahren miterleben zu dürfen. Besonders der Xi’an Flughafen hat sich sehr verändert Diese Erfahrungen möchte ich gerne mit Euch teilen. Viel Spaß!

Aus meinem Reisetagebuch 1987

22.10.1987 Erste Schritte in China

Mein erster Tag in China läuft so schief, wie ich es mir vorher kaum vorgestellt habe. Der Flug von Hongkong nach Xi’an ist noch ganz normal.

Xi’an hat ca. 6 Millionen Einwohner. Ich mache den Fehler, diese Zahl schon als Indikator für eine Weltstadt zu nehmen mit einem großen internationalen Flughafen und Leuten, die Englisch sprechen können. Welch ein Traum!

Hilflos am Flughafen

Als ich aussteige, döst der Xi’an Flughafen mit einigen so gar nicht international aussehenden Gebäuden in der Mittagshitze. Die Abfertigungsräume sind fast zu klein für die vielen Passagiere aus unserer Maschine. Passkontrolle, Gesundheitskontrolle, Gepäck, Zollkontrolle. Alles dauert ewig. Warten, warten…

Man darf kein chinesisches Geld einführen. Also schaue ich mich als erstes nach der Bank um. Mit etwas Mühe finde ich einen Verschlag in einer Ecke, auf dessen verstaubten Glaswänden „Bank of China“ steht. Nach den dicken Schichten Staub auf den Tischen und Telefonen darin zu urteilen, war diese Bank schon lange nicht mehr geöffnet und würde so schnell auch nicht wieder öffnen.

Ich stehe verwirrt und hilflos auf dem Platz vor dem Flughafen und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Taxen, Busse – alles ist da direkt vor meiner Nase und doch außerhalb meiner Möglichkeiten. Wie mögen wohl die Taxifahrer in diesem kommunistischen Land reagieren, wenn ich ihnen USDollar anbiete? Vielleicht gibt es in der Umgebung eine Bank.

Ich wende mich zurück zum Flughafengebäude, zögere, weiß nicht, was tun. Öde und verlassen wirkt der Xi’an Flughafen. Da sehe ich ein Pärchen wieder, das mit mir im Flugzeug gesessen hat. Er ist mit Sicherheit Amerikaner, doch sie eindeutig Asiatin, Chinesin. Ich hatte gleich den Eindruck, dass sie Chinesisch sprechen kann. Ich frage sie, ob sie mir helfen können, Geld wechseln … Sie laden mich ein, mit ihnen im Taxi in die Stadt zu fahren. Sie heißt Sue und er Walter.

Erleichterung!  Im Renmin Hotel

Wir fahren über weite, staubige Strassen. Dann passieren wir ein riesiges, altes Stadttor und schon sind wir im eigentlichen Xi’an. Schließlich hält das Taxi vor dem Renmin-Hotel, einem alten Prachtbau aus Zeiten, als die Chinesen russische Architekten bevorzugten. Die erste Hürde ist schon mal geschafft! Obwohl es Mittagszeit ist, gelingt es mir, wenigstens 20 USDollar an der Rezeption  zu wechseln.

Dank Sue und Walter und dem netten chinesischen Hotelmanager, der überhaupt kein Englisch spricht, wird mir ein Zimmer in einer Dependance des Renmin-Hotels in Aussicht gestellt, die etwas außerhalb liegen soll. Warum nicht! Ich erfahre noch, dass mich jemand abholen und dorthin fahren würde, dann verschwinden die Amerikaner auf ihr Zimmer und lassen mich in der leeren Hotellobby zurück. Nur der Hotelmanager erscheint hin und wieder und lächelt mir schüchtern zu.

Angst! Im Minibus

Endlich kommt der Fahrer mit einem funkelnagelneuen japanischen Minibus. Die Fahrt geht los! Ich sehe gespannt aus dem Fenster. Und meine Haltung wird noch angespannter, als ich merke, dass wir schon zum 2. Mal durch die gleichen Strassen fahren. Der Fahrer scheint jeden zu kennen, grüsst nach rechts und links und hält auch schon mal an, um mit jemandem einen kurzen Schwatz zu halten.

Mein erster Tag in China 1987

Xi’an 1987

Ich werde noch nervöser. Was mache ich hier eigentlich in dieser so fremden und andersartigen Stadt alleine mit einem Fahrer, mit dem ich mich nicht verständigen kann? Ich suche in meinem Sprachführer nach den passenden Worten. Ich finde nichts. Ich versuche, dem Mann verständlich zu machen, dass er mich zum Bahnhof fahren soll. Ich will nur noch raus aus diesem unheimlichen Wagen. Er grinst. Keine Verständigung. Er fährt jetzt immer weiter aus der Stadt heraus.

Die mächtige Stadtmauer, mein einziger Orientierungspunkt, liegt schon lange hinter uns. Auch wenn ich mir sage, dass nicht jeder Chinese ein potentieller Mörder ist, so packe ich doch meinen Rucksack fester, wild entschlossen, an der nächsten Kreuzung einfach auszusteigen. Aber er hält nicht an. Mir steht der Schweiß auf der Stirn. Angstschweiß? Ach was! Es ist einfach nur sehr warm. Doch ich fühle mich so ausgeliefert, so wehrlos. Da dreht sich der Fahrer zu mir um, lacht und deutet, unverständliches redend, nach vorne. Und schon haben wir einen von großen roten Papierlaternen geschmückten Eingang passiert. Das Hotel?! Der Bus hält. Erleichtert steige ich aus.

Ein kleines, handgeschriebenes Schild weist mich zu einer Rezeption. Wir sind am Ziel!

Endlich! Am Ziel

Ich beziehe mein Zimmer. Auf jedem Stockwerk gibt es eine Frau mit einem umfangreichen Schlüsselbund, die mir mein Zimmer aufschließt. Einen eigenen Schlüssel bekomme ich nicht. Ich muss jedes Mal, wenn ich das Zimmer für längere Zeit verlasse, die Frau bitten, das Zimmer abzuschließen und bei meiner Rückkehr zu öffnen. Wenn ich auf die Toilette gehe, die 20 Meter den Gang hinunter liegt, verlasse ich mich auf mein Glück, dass in der Zwischenzeit keiner mein Zimmer besucht.

Mit noch immer vor Nervosität schwachen Beinen lege ich mich eine Weile aufs Bett. So schwierig diese Ankunft in China auch war, ich hatte es geschafft.

Erste Fahrradtour

Mein Zimmer hat hohe Wände mit dunklen Tapeten und roten Samtvorhängen. Es wirkt dunkel und altmodisch. Zwei hohe, alte Betten nehmen fast den gesamten Raum ein. Auf einer schwarzen Kommode steht eine rote, mit großen rosa Rosen verzierte Thermosflasche mit heissem Wasser, daneben zwei Tassen mit Deckel. Nur den Tee muss man sich selbst mitbringen. Neben dem Bett befindet sich der Nachttisch mit einem kleinen Farbfernseher. Ich finde es richtig gemütlich.

Dann gehe ich die Toilette inspizieren. Ich staune nicht schlecht. Es gibt nur ein Loch im Boden. Aber mit Wasserspülung. Die Tür zum Gang lässt sich nicht schliessen. Der Wasch- und Duschraum ist für Männlein und Weiblein gemeinsam. Die Duschkabinen haben aber wenigstens Türen.

Zum Ausruhen und Entspannen bin ich doch zu nervös. Ich erinnere mich an das Schild „Rent a Bike“. Ich werde mir jetzt ein Fahrrad mieten. Denn China und Fahrräder gehören irgendwie zusammen. Auch der Fahrradvermieter spricht nur Chinesisch. Aber schließlich bekomme ich mein Fahrrad.

Noch etwas zögernd strecke ich meine Nase zum Tor hinaus. Ich versuche, mir das Aussehen meines Hotels einzuprägen, denn ich habe keinen Stadtplan, der diese Gegend einschließt. Dann geht es los. Das große, schwere, schwarze Fahrrad hat weder Gangschaltung, noch Rücktrittsbremse, noch Licht. Aber nach einigen unsicheren Momenten fährt es doch sehr gut.

An jeder Ecke habe ich Angst, abzubiegen, weil ich mich nicht verirren will. Ich fahre eine verkehrsreiche Strasse entlang. Immer wieder donnern Lkws an mir vorbei. Ich passe meine Geschwindigkeit den anderen Fahrradfahrer an. Natürlich achte ich mehr auf den Verkehr, als dass ich sehe, was es so am Straßenrand gibt. An einer Stelle fahre ich an Imbissständen vorbei. Obwohl mir der Magen knurrt, traue ich mich nicht anzuhalten und zu essen.

Nach kurzer Fahrt wird die Umgebung immer ländlicher. Die Leute gucken erst erstaunt, wenn sie mich auf dem Fahrrad sehen, dann lachen sie mir zu. Ich atme die milde Abendluft mit ihren vielen unbekannten Gerüchen und fühle mich frei. Ich bin ganz stolz auf mich, dass ich dieses schwierige China ungeachtet aller Anfangsschwierigkeiten so gut in den Griff zu bekommen scheine.

Nach einer Stunde kehre ich um, weil die Dämmerung einsetzt. Mein Hotel finde ich dank meiner Vorsichtsmaßnahmen sehr schnell. Nachdem ich das Fahrrad zurückgegeben habe, suche ich das Hotelrestaurant. Ich habe jetzt großen Hunger. Doch die allgemeine Essenszeit ist schon vorbei. Wie gut, dass ich mir gestern in Hongkong ein paar Schoko-Riegel gekauft hatte! Dazu mache ich mir mit dem heissen Wasser aus der bunten Thermoskanne einen Nescafé. Im Fernsehen läuft ein Kinderprogramm. Kleine Chinesen spielen „Hänschen klein“ und „O Tannenbaum“ auf elektrischen Orgeln. Es dauert lange, bis meine Anspannung nachlässt und ich endlich einschlafe. Meine Gedanken kreisen immer noch um meine Ankunft am Xi’an Flughafen. War das aufregend!

China damals und heute
Ein erster Tag in China ist heute so viel einfacher, zumindest was die Schwierigkeiten betrifft, auf die ich damals gestoßen bin:

1. Es gibt überall Geldautomaten (ATM) in China. Irgendwo in China anzukommen, ohne die Möglichkeit, chinesisches Geld zu erhalten: Das kann einfach nicht mehr passieren. In den 1980er Jahren waren EC-Karten übrigens auch in Deutschland noch nicht weit verbreitet.So geht das heute: China: Geld wechseln, Geld abheben

2. Der Xi’an Flughafen hat sich zu einem modernen Airport mit allem, was man so braucht, entwickelt. Xi’an hat mittlerweile im Stadtbereich mehr als 7 Millionen Einwohner. Xi’an Flughafen

3. Es gibt Internet! Ich bin heute viel informierter, weiß genau, wie ich in die Stadt bzw. irgendeine Stadt komme und wo ich wohnen werde.

4. Ich buche mindestens für die ersten Nächte mein Hostel. Es gibt mittlerweile viele gute und günstige Hostels. Dazu die einfache Möglichkeit, über das Internet zu buchen.

5. Es gibt eine U-Bahn in Xi’an! U-Bahnen sind in den großen chinesischen Städten mein Lieblingstransportmittel. Da die Beschriftungen auch in lateinischer Schrift (Pinyin) sind, kann ich mich unabhängig und selbständig bewegen. U-Bahn fahren in China – ein Abenteuer?

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Terrakotta-Armee

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Ulrike

Jahrgang 1955. Mehr als 30 Jahre Reise-Erfahrung in China und Asien. China-Expertin bei feel China. Lasst Euch von meinen Erfahrungen inspirieren! Nicht nur über China! Weitere Themen: Museen, Hamburg, Hannover, Rom, Paris, London u.v.m.
Ich freue mich über Eure Kommentare!
Ulrike

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