Allah auf der Kirchturmspitze – Al Nour Moschee Hamburg

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Dieses Jahr (2019) war ich wieder zum Tag der offenen Moschee in der Al Nour Moschee. Viel hat sich getan! Der Innenraum ist nun fertig. Als nächstes muss noch der Turm saniert werden.Al Nour Moschee Hamburg

Warum Allah auf der Turmspitze?
Daniel Abdin, der Geschäftsführer, erklärte in seinem Vortrag die Geschichte des Schriftzuges, der den ehemaligen Kirchturm ziert. Es wurde vieles überlegt, bevor man zu dieser Lösung kam. Üblicherweise zieren solche Türme die bekannten religiösen Symbole: Das Kreuz den Kirchturm, der Halbmond das Minarett.

Man entschied sich, das in diesem Fall nicht zu tun. Der Schriftzug “Allah”, wenn auch auf Arabisch, soll deutlich machen, dass es sich um ein Haus Gottes handelt. Und Gott wird nicht nur im Islam sondern auch im Christentum und Judentum verehrt. Damit symbolisiert der Name Gottes das Gemeinsame und den gegenseitigen Respekt.

Die Al Nour Moschee steht für Respekt und Toleranz und ist für jeden offen, egal welcher Religion er angehört. Herr Abdin bemerkte auch, dass kürzlich eine Buddhistin gefragt habe, ob sie hier beten dürfe. Natürlich! Wobei ich anmerken möchte, dass man im Buddhismus keinen Schöpfergott verehrt.

In seinem Vortrag 2019 wies Daniel Abdin immer wieder darauf hin, dass diese Moschee, diese islamische Gemeinschaft, großen Wert auf einen respektvollen Umgang mit anderen Religionen und Kulturen legt. Menschen aus rund 30 Ländern kommen hier regelmäßig zum Gebet zusammen.

Der Imam stammt aus dem Libanon. Seine Predigten werden auf Deutsch gesprochen. Nur am Freitag ertönt sie in Arabisch. Aber natürlich wird auch diese ins Deutsche übersetzt. Denn nicht jeder Gläubige hier versteht Arabisch. Die gemeinsame Sprache ist Deutsch.

Daniel Abdin setzt sich leidenschaftlich für den interreligiösen Dialog ein. Seine Heimat ist Deutschland. Besonders deshalb ist ihm ein friedliches Miteinander besonders wichtig. Die Gemeinde betreibt intensive Jugendarbeit.

Tag der offenen Moschee 2016

Der Tag der offenen Moschee führte mich 2016 zu einer ganz ungewöhnlichen neuen Moschee, die sich in meiner Nachbarschaft befindet, der Al Nour Moschee in Hamburg Horn.

Die Al Nour Moschee

Eigentlich ist die Moschee eine kleine Sensation: Ein ehemaliges Kirchengebäude, das seit 2003 aufgegeben war, wird nun eine Moschee. Grundsätzlich ist das nicht vorgesehen, dass aus einer Kirche eine Moschee wird, auch wenn dies im Laufe der Geschichte schon oft vorgekommen ist (man denke nur an die Mezquita–Catedral Cordoba oder die Hagia Sophia in Istanbul). Doch die ehemalige Kapernaum Kirche, die erst 1961 fertig gestellt wurde, wurde zunächst an einen Investor verkauft. Von dem dann die Al Nour Gemeinde das Gebäude schließlich kaufte. Natürlich ging das nicht ohne lange Diskussionen. 2013 war es dann soweit, Man begann mit den Umbau- und Renovierungsarbeiten, die noch lange nicht abgeschlossen sind.

Ich war schon 2013 auf einer Info-Veranstaltung der Al Nour-Gemeinde. 2014 habe ich die alte Moschee besucht, die in einer unschönen Tiefgarage untergebracht ist. Da ist der ehemalige Kirchenbau ein großartiger Fortschritt. Das Gebäude mit dem flachen Hauptgebäude und dem schlichten Turm, Architektur der 1960er Jahre, eignet sich in meinen Augen sehr zur Moschee. Auf dem ehemaligen Kirchturm glänzt nun der arabische Schriftzug “Allah”. In den Hauptraum wurde eine Empore eingebaut, der als Gebetsraum für die Frauen dienen soll.

Daniel Abdin begrüßt die Besucher

Daniel Abdin begrüßt die Besucher

Der Tag der offenen Tür in der Moschee war gut besucht. Daniel Abdin führte in einer lebhaften Ansprache in die Ziele und die weiteren Vorhaben der Al Nour-Gemeinde ein. Mir war es fast zu viel Multi-Kulti. Immer wieder betonte er die gute Zusammenarbeit mit christlichen Gemeinden. Ja, er begrüßte sogar jemanden von Scientology. Menschen aus mehr als 30 verschiedenen Ländern besuchen die Gebete in der Moschee. Da wird es an Freitagen schon mal recht voll. Gepredigt wird auf Arabisch und auf Deutsch.

Erst nach mehrfacher Rückfrage äußerte sich Daniel Abdin dazu, dass die Al Nour-Gemeinde zum sunnitischen Islam gehört. Aber das sei gar kein Problem, es würden auch Shiiten und andere herzlich willkommen sein. Man gucke nicht auf die Herkunft, sondern freue sich, vereint im Glauben an den einen Schöpfergott gemeinsam zu beten.

Die bunten Glasmosaiken der ehemaligen Kirche

Die bunten Glasmosaiken der ehemaligen Kirche

Das Paradies im Islam

Ich selbst hatte mir diesmal vorgenommen, nicht die ewige Frage nach dem Kopftuch zu stellen, sondern wollte mehr über die Paradies-Vorstellungen im Islam wissen. Dazu wollte ich gerne mit einer Frau sprechen. Ich fand mit Hilfe von Herrn Abdin eine kompetente Ansprechparnerin. Doch jetzt, nachdem ich noch ein wenig im Internet recherchiert habe, finde ich ihre Antwort ziemlich enttäuschend. Sie zog sich immer wieder auf folgenden Koran-Vers und eine alte Auslegung (Hadith) zurück:

Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete,
dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: „Allah sagte: „Ich habe für Meine rechtschaffenen Diener das vorbereitet, was kein Auge gesehen hat, und kein Ohr gehört hat, und niemals als Herzenswunsch in die Vorstellung eines Menschen einfiel.“ Leset nach, wenn ihr wollt: „Doch niemand weiß, welche Augenweide für sie als Lohn für ihre Taten verborgen ist.”” (Qur`an Surah As-Sagda (32):17)

Kein Wort davon, dass im Koran sehr präzise die Freuden des Paradies beschrieben werden. Ausweichen, als ich danach frage, was es mit den 72 Jungfrauen auf sich hat. Trotzdem hat mir das Gespräch geholfen, denn ich habe nun auch weiter recherchiert.

2016

In der Mittagspause gab es leckere Häppchen, Vorspeisen aus Syrien. Herrlich! Gut gewürzt, lecker! Mir fiel auf, dass ausschließlich Männer das Buffet bestückten und bei der Auswahl halfen. Naja, das fällt mir jetzt erst auf, sonst hätte ich gleich vor Ort gefragt, warum  das so ist.

Im  Laufe des Nachmittags ergaben sich noch einige interessante Gespräch, u.a. anderem mit einer Frau von der Caritas. Oder mit weiteren Muslimas, die doch leicht irritiert waren, als ich sagte, dass ich als Buddhistin nicht an einen Schöpfergott glaube. Man versuchte sehr eindringlich aber vergeblich, mich zu überzeugen.

Insgesamt war es ein interessanter Tag, eine tolle Möglichkeit, in eine fremde Welt hineinzuschnuppern und mit den neuen Nachbarn ins Gespräch zu kommen.al-nour-decke

Die Al Nour Moschee 2019

Moschee AbdinMittlerweile ist der Innenraum fertig gestellt. Er ist hell, durch die bunten Fenster, die schon die Kirche schmückten, fällt ein freundliches Licht. Die Gebetsnische ist natürlich nach Mekka ausgerichtet, also nach Südosten. Sie ist umrahmt von arabischen Kalligrafien, die Allah loben.

Mit einem Schmunzeln berichtet Daniel Abdin, dass bei der Innengestaltung natürlich auch die Frauen nach ihren Wünschen gefragt wurden. Dadurch entstand die Empore, die den Frauen zum Gebet vorbehalten ist. “So können die Frauen auf ihre Männer hinabsehen. Die Männer müssen zu ihrem Frauen aufsehen!”Al Nour Moschee Empore

Eine schöne Idee ist, dass der Spruch, der die Empore ziert, aus dem Koran die Sure “Maria” (Sure 3 Al-Imam) zitiert. Jesus und seine Mutter werden auch im Islam verehrt. Auch hier wieder der Bezug zwischen Christentum und Islam.

Aus dem Koran, Sure 3 Al-Imam
(42.) Und (gedenke,) da die Engel sprachen: »O Maria, siehe, Allah hat dich auserwählt und hat dich gereinigt und hat dich erwählt vor den Frauen aller Welt. 38. (43.) O Maria, sei andachtsvoll zu deinem Herrn und wirf dich nieder und beuge dich mit den sich Beugenden.« 39. (44.) Dies ist eine der Verkündigungen des Verborgenen, die wir dir offenbaren. Denn nicht warst du bei ihnen, als sie ihre Rohre warfen, wer von ihnen Maria pflegen sollte. Und nicht warst du bei ihnen, als sie miteinander stritten. 40. (45.) (Gedenke,) da die Engel sprachen: »O Maria, siehe, Allah verkündet dir ein Wort von ihm; sein Name ist der Messias Jesus, der Sohn der Maria, angesehen hienieden und im Jenseits und einer der (Allah) Nahen.

Die Al Nour Moschee steht ganz unter dem Motto

Außen Kirche – innen Moschee

Das soll die Verbundenheit und den gegenseitigen Respekt betonen. Mich hat wieder einmal die große Freundlichkeit der Menschen, denen ich 2019 beim Tag der offenen Moschee begegnete, sehr beeindruckt. Toleranz und Geduld bis ins Detail: Während des Mittagsgebets konnte ich beobachten, dass einige kleine Kinder fröhlich durch den Raum tobten. Ein Junge klopfte seinen betenden Vater lachend auf den Po. Der betete ruhig weiter. Es gab keine Ermahnung zur Ruhe. Die Kinder wurden von alleine ruhig. Ihre Fröhlichkeit brach aber immer wieder durch. Man musste sie einfach liebhaben!

Islamisierung?
Ich nutzte die Gelegenheit, Herrn Abdin zu fragen, was man Leuten antworten kann, die Angst vor einer Islamisierung Deutschlands haben. Er antwortete, dass es ungefähr 5 Millionen Muslime in Deutschland gibt. Diese gehören vielen unterschiedlichen Richtungen an. Die meisten haben überhaupt kein Interesse an einer Islamisierung Deutschlands.

Ich möchte hinzufügen, dass es dieser geringen Zahl von Muslimen gar nicht gelingen würde, in kurzer Zeit so viel Macht zu bekommen, um politisch irgendetwas in Deutschland zu ändern. Selbst wenn jede Familie 10 Kinder hätte. Den 5 Millionen Muslime stehen übrigens rund 47 Millionen Christen gegenüber. Wer rechnen kann, weiß, was ich meine.

Hier noch ein kleines Rechenbeispiel: 2009 lebten rund 4,3 Millionen Muslime in Deutschland. 2019 schätzt man die Zahl auf rund 5 Millionen. Das ist trotz aller Flüchtlingswellen eine Zunahme von rund 700.000. in 10 Jahren! Wenn das so weiter geht mit der Zunahme der Muslime, dann würden wir in weiteren 10 Jahren 6 Millionen Muslime haben. Reicht das, um Deutschland zu islamisieren???

Noch eins: Es gab Menschen in Hamburg, die gegen die Umwidmung der Kirche in eine Moschee protestierten. Denen möchte ich sagen: “Wenn Ihr alle fleißig in die Kirche gegangen wärt, dann wäre eine Umwidmung nicht nötig gewesen”

Diesmal war ich von den Antworten auf meine Fragen nicht enttäuscht. Herr Abdin hat sehr ausführlich und weise geantwortet.

Am 13.09.2019 fand die Gründungversammlung des Landesverbandes ZMD Hamburg im Islamischen Zentrum Al-Nour statt. Daniel Abdin wurde zum Vorsitzenden gewählt. (ZMD = Zentralrat der Muslime Deutschland e.V.)Al Nour Moschee Schrift

Links

Mehr zur Al Nour-Moschee und Gemeinde in Hamburg findet Ihr hier

Zu meinen Erlebnissen beim Tag der offenen Moschee 2014: mehr

Dieser Artikel erschien zuerst im Oktober 2016.

Ulrike

Jahrgang 1955. Mehr als 30 Jahre Reise-Erfahrung in China und Asien. China-Expertin bei feel China. Lasst Euch von meinen Erfahrungen inspirieren! Nicht nur über China! Weitere Themen: Museen, Hamburg, Hannover, Rom, Paris, London u.v.m.
Ich freue mich über Eure Kommentare!
Ulrike

5 Kommentare

  • Interessanter Beitrag und sehr interessante Fragestellungen. Mir gefällt Deine Offenheit und dass Du deiner Wißbegierde nachgehst.

  • Myriade

    Sehr interessant ! Scientology allerdings ist keine Religion sondern eine ausbeuterische Sekte.

    • Das kommt auf den Standpunkt an… Außerdem frage ich mich, was dein Kommentar mit dem Artikel zu tun hat. Es geht hier um den Tag der offenen Moschee und eine ganz besondere Moschee.

  • Ich finde es super, dass du immer so offen und neugierig bist und versuchst mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich habe auch versucht, Bekannten Fragen zum Islam zu stellen. Aber das wurde immer als Angriff verstanden (obwohl gar nicht so gemeint), es wurde ausgewichen und stattdessen die Schlechtigkeit des Christenstums thematisiert. Schade.

    • Hmm, ich glaube, gerade aus so einem Tag der offenen Moschee, wo auch viele Verter der christlichen Kirchen anwesend waren, können sie sich keine entsprechenden Äusserungen leisten. Ich fand die Anworten, die ich bekam, sehr stereotyp, manchmal wurde mir auf meine Fragen ausweichend geantwortet.Ich war diesmal sehr enttäuscht.
      LG
      Ulrike

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