Uposatha Tag oder “Opossum-Tag”

Uposatha

»Nicht töte man und greife nicht nach fremdem Gut;

man lüge nicht und trinke keinen Rauschtrank;

von Unkeuschheit und Paarung halte man sich fern,

ein Abendmahl zur Unzeit soll man nicht genießen.
Man meide Blumen und auch Wohlgerüche,

auf niederem Bette, auf dem Boden liege man –

dies gilt als achtfaches Gebot am Fastentag,

wie ihn der Leidbesieger, Buddha, hat verkündet.

 


Ob es ein männlich’ Wesen oder eine Frau,

wer sittenrein den achtgeteilten Fasttag hält

und segensreiche, gute Werke auch verrichtet,

geht, frei von Tadel, ein zur Himmelswelt.«

Angereihte Sammlung III. 71

Britisches Museum:

Buddha aus Korea

Anlässlich der Feiertage möchte ich diesen uralten Artikel, den ich mal für eine buddhistische Zeitschrift geschrieben habe, reaktivieren. Damals lebte mein geliebter Stephan noch. Damals gab es den Buddhistischen Bund in Hannover noch. Die Zeiten ändern sich. Heute lebe ich in Hamburg. Ich versuche, nicht nur an den Uposatha – Tagen nach den Regeln zu leben und auch regelmäßig zu meditieren. Doch ich schaffe es nicht immer. Auch mit Mediation kann man an Depressionen leiden, kann man schwach sein. Von der Erleuchtung bin ich ich noch meilenweit bzw. mehrere Leben entfernt. Doch es gilt, sich immer neu aufzuraffen.

Uposatha
Uposatha (Pali; Sanskrit: Upavasatha; Thai: Wan Phra) ist ein buddhistischer Feiertag, ein Tag der inneren Einkehr, der Erneuerung der Dharma-Praxis und Einhaltung der Uposatha-Silas.

Der Uposatha-Tag nimmt eine bedeutende Stellung im Theravada-Buddhismus ein, im Mahayana-Buddhismus haben die Uposatha-Tage nur eine geringe Bedeutung. Wikipedia

Mein Uposatha-Tag

Eigentlich fing alles damit an, dass ich über eine Legende aus der „Buddhistischen Schatzkiste“ stolperte, in der davon die Rede war, dass man Feiertage in Meditation und mit Fasten begehen solle: „Der Feiertag des Wolfes“. Ich habe diese Geschichte an einem Vorweihnachtsteenachmittag im BBH (Buddhistischer Bund Hannover e.V.) vorgelesen. Vor uns auf dem Tisch mehrere Teller mit Keksen und Christstollen.

Weihnachten ist mir von meinem Elternhaus her immer durch die besonderen Festessen in Erinnerung. Es war eigentlich der Feiertag meiner Mutter, die es liebte, für uns zu kochen und zu backen. Es waren immer wundervolle Weihnachten! Aber hinterher war ich froh, wenn ich ein paar Tage lang keinen Braten, keine Kuchen und keine Schokolade sah. Diese Legende machte mich nachdenklich, aber hinterliess keine weiteren Spuren in mir.

Nachdem meine Mutter gestorben war, wurde die Völlerei an Weihnachten bei meinem Lebensgefährten Stephan und mir abgeschafft. An deren Stelle trat unser Silvesterabend mit Unmengen von Gerichten und Sekt und Bowle. Ich liebe es, zu essen und neue Gerichte auszuprobieren, es gehört zu meinem Leben einfach dazu. Aber warum muss man sich an Feiertagen immer so vollstopfen?! Trotzdem, auch diese Überlegungen gerieten in Vergessenheit.

Dann fand ich im BBH das Ethik-Heft der Lotusblätter, hatte ein wenig Zeit und las den Artikel von Marika Hoerig „Fasten für die Sinne – Feier für Herz und Geist“. Frau Hoerig beschreibt darin, dass sie an einem ganz „normalen“ Arbeitstag die Regeln des Uposatha-Tages auf sich nimmt. Es ist Vollmond und damit aus buddhistischer Sicht ein Feiertag. Es ist kein Sonntag und außerdem, wie kann man einen Uposatha-Tag mit allen dazugehörigen Regeln mit Familie und Arbeitsalltag in Einklang bringen? Frau Hoerig hat das wundervoll geschafft und beschreibt ihre Erfahrungen sehr anschaulich. Ich war fasziniert von ihren Schilderungen und dachte, das kann ich doch auch mal probieren!

Vorbereitungen

Ich war ganz aufgeregt bei dem Gedanken, wirklich all die Regeln durchzuhalten, und entschlossen, diesen Uposatha-Tag bei nächster Gelegenheit durchzuführen. Dienstags, wenn ich abends meistens ins Buddhistische Zentrum gehe, gebe ich mir sowieso immer Mühe, die 5 Silas einzuhalten. Dabei sind die wichtigsten Punkte für mich, dass ich dienstags kein Fleisch esse und bis zum Abschluss der Dienstag-Gruppe keinen Alkohol trinke. (Ich bin kein Vegetarier und ich liebe es, abends mal ein Glas Wein zu trinken.) Deshalb entschloss ich mich, den Dienstag nach Vesakh 2002 zu meinem „Uposatha-Tag“ zu erklären.

Begeistert kam ich nach Hause und erzählte Stephan von meinen Plänen. Er hält sich eher fern von meinen buddhistischen „Anwandlungen“ und meinte nur trocken: „Was machst Du? Einen Opossum-Tag? Na, mach mal!“

Der ausgewählte Dienstag rückte näher und am Montag abend war ich in meinem Entschluss schon wieder wankelmütig geworden. Kurz nach Mitternacht schaltete ich dann aber doch entschlossen den Fernseher aus – Stephan schlief schon – und ich überlegte, wann denn wohl so ein Uposatha-Tag anfängt: um Mitternacht? Morgens nach dem Aufwachen? Ich stellte meinen Wecker auf 6:00 Uhr, gar nicht sicher, ob ich dann wirklich aufstehen würde.

Um 5 vor 6 Uhr bin ich dann ganz von alleine wach. Das ist ein Zeichen! Ohne weitere Verzögerung stehe ich auf, wasche mich und bereite mich auf die erste Meditation vor. Stephan läuft auch schon durch die Wohnung. Ich weise ihn daraufhin, dass ich nun doch den Uposatha-Tag durchziehen will, und bitte ihn, mich möglichst nicht zu stören. Er lacht: „Pass auf, dass Dich kein Opossum beisst!“ Er nimmt mich nicht ernst! Also male ich als erstes ein Schild mit den Uposatha Regeln, die ich an diesem Tag einhalten will – in Kurzform, damit Stephan es schneller versteht.

  1. Kein Fleisch essen
  2. Rechte Rede beachten! Nicht sich ärgern! Nicht Stephan beschimpfen!
  3. Nicht stehlen, nicht betrügen
  4. Kein Sex
  5. Kein Alkohol, kein Fernsehen, kein Radio, kein Computer bzw. Internet zum Vergnügen
  6. Kein Schmuck, kein Schminken
  7. Nach 12:oo Uhr mittags nichts mehr essen
  8. Auf einem niedrigen Bett schlafen

Die Punkte 1,3,4,6 und 8 werden mir überhaupt keine Probleme machen, wir schlafen sowieso auf einem Futon auf dem Boden. Punkt 2 wird ein Problem sein. Und bei 5 wird es mit dem Internet schwierig. Aber am schwierigsten, stelle ich mir vor, wird es für mich sein, nach 12:00 Uhr nichts mehr zu essen.

Entschlossen schreibe ich noch ein „Bitte nicht stören! Uposatha Tag!“ unter die Punkte und klebe das Blatt an die Wohnzimmertür.

Der Morgen

Dann richte ich mir mit Decke und Kissen einen Meditationsplatz im Wohnzimmer ein. Das ist schon das erste Abenteuer! Durch etliche gesundheitliche und berufliche Probleme war ich in den letzten Monaten so unruhig, dass es mir selten gelang, länger als fünf Minuten stillzusitzen. 30 Minuten später habe ich es geschafft! Ich habe meditiert wie selten, es geht mir richtig gut!

Mit Achtsamkeit bereite ich mir mein Frühstück zu, setze mich an den Tisch und frühstücke, lese keine Zeitung dabei, höre kein Radio. Es ist seltsam still. Nur der Regen tropft draussen aufs Gras. Dann meditiere ich die letzten Minuten, bevor ich ins Büro fahre.

Der Weg zur Arbeit: (Verkehrs-) Regeln einhalten!

Ich fahre mit dem Fahrrad und da kommen schon die nächsten Probleme mit der Achtsamkeit. Ich hatte mich für diesen Tag fest entschlossen, mich zu all den anderen Regeln auch wirklich an die Verkehrsregeln zu halten. Erst mache ich einen kleinen Umweg, damit ich nicht wie sonst auf dem Fussweg fahre, um das Kopfsteinpflaster zu vermeiden. An der nächsten Kreuzung erwische ich mich aber schon, wie ich bei Rot die Strasse überquere, weil weit und breit kein Auto zu sehen ist. – Eine schlechte Angewohnheit aus meiner Zeit in China!

Kaum bin ich im an meiner Arbeitsstelle im Reisebüro, muss ich feststellen, dass ich vor lauter Konzentration auf Achtsamkeit und Verkehrsregeln eine Besorgung vergessen habe, die ich auf dem Weg ins Büro erledigen wollte. Ich entschuldige mich bei meiner Halbtagskollegin und fahre wieder zurück.

Büroalltag und Uposatha

Dann fängt mein Arbeitstag an. Das Radio bleibt ausgeschaltet, was niemandem auffällt, da sehr viel zu tun ist. Deshalb komme ich auch nicht dazu, die eingeplanten 5-Minuten-Meditationen durchzuführen. Es gelingt mir gerade noch, mir vor 12:00 Uhr Zeit zu nehmen für mein Mittagessen. Dann kommt irgendwann auch mein Chef ins Büro, mit dem ich zur Zeit etwas Stress habe. Die Pferde gehen mit mir durch, keine Achtsamkeit, keine Disziplin, nichts kann mich davon zurückhalten, ihm meine Meinung zu gewissen Vorgängen zu sagen!

Im Buddhistischen Zentrum: Zurückhaltung ist gefragt!

Endlich ist es 18:00 Uhr! Feierabend! Mein Magen knurrt. Soll er! Ich fahre direkt ins Buddhistische Zentrum. Die Sonne scheint, im Stadtpark Eilenriede duften die Blumen. Langsam komme ich von meinem Ärger runter. Im Zentrum erledige ich die Post. Dann kommen die anderen. Die halbe Stunde Meditation vergeht wie im Fluge! Danach muss ich wieder einmal auf meine Rechte Rede aufpassen. Ich bin so stolz auf meinen Uposatha-Tag, dass ich es jedem erzählen möchte! Schon verkehrt!

Rückkehr

Ich breche an diesem Abend früh nach Hause auf. Schließlich merke ich doch, dass dieser Tag anders war als andere. Ich habe Kopfsschmerzen und fühle mich erschöpft. Auf dem Rückweg halte ich mich konzentriert an alle Verkehrsregeln. Endlich!

Zuhause wartet Stephan auf mich und fragt mitfühlend: „Wie war’s?” und „Wie lange dauert eigentlich so ein Opossum-Tag?“ „ Bis zum nächsten Aufwachen!“ entscheide ich. Kurz schaue ich auf die Diätschokolade, die Stephan mir liebevoll hingelegt hat. Aber ich esse lieber einen Apfel und freue mich schon auf morgen, wenn ich die Schokolade genießen kann.

Fazit

Der Uposatha Tag war anstrengend. Manches ist nicht so gelaufen, wie ich es gewünscht hätte. Aber ich habe auch neue Erkenntnisse über mich gewonnen. Ich hatte eigentlich nicht gedacht, dass die Rechte Rede so ein großes Problem für mich sein würde, obwohl ich weiß, dass ich gerne und viel rede. Ich nehme mir vor, dienstags mehr und an anderen Tagen auch an die Rechte Rede zu denken. Dagegen war es nicht schwierig für mich, nachmittags nichts zu essen. Ich darf es nicht ganz lassen, da ich Diabetes habe, aber mit den Äpfeln bin ich gut durchgekommen.

Ich mache weiter!

Und ich bin sicher: das mache ich wieder: Uposatha! Nicht an Halbmond oder Neumond, aber am Vollmond. Jedenfalls habe ich mir das fest vorgenommen!

Vier Wochen später bin ich allerdings richtig krank und gar nicht in der Lage, 10 Minuten zu sitzen, so dass schon mein zweiter Uposatha-Tag ausfällt.

Irgendwer sagt mir, dass so ein Uposatha-Tag am besten durchzuführen ist, wenn man nicht arbeitet, weil man dann weniger Ablenkung und mehr Zeit zum Meditieren hat. Dazu bekomme ich früher Gelegenheit als mir lieb ist. Ich werde krank geschrieben und als ich mich halbwegs besser fühle, ist Vollmond.

Ich überlege hin und her, ob ich das wirklich durchhalte: den ganzen Tag kein Radio zuhause, mehrmals meditieren und ab 12:00 Uhr nichts essen, wenn doch der Kühlschrank in greifbarer Nähe ist. Und was mache ich zwischendurch?

Aber wenn ich mir einmal was in den Kopf gesetzt habe, dann mache ich das auch! Ich warne alle FreundInnen vor, dass ich an diesem Mittwoch keine Anrufe oder Besuche haben möchte, mache einen detaillierten Tagesplan, richte meine Meditationsecke her und stelle meinen Wecker auf 6:00 Uhr.

Mein Tagesplan sieht vor, dass der Uposatha Tag diesmal aus einem Wechsel von Meditation, Schreiben dieses Artikels, Pausen und einigen nützlichen Dingen besteht wie z.B. eine Stunde Chinesisch üben. Damit Stephan weiß, wann ich ansprechbar bin, wann er das Wohnzimmer betreten kann, ohne mich zu stören, hänge ich den o.g. Zettel an die Tür und zusätzlich den Tagesplan.

Der Morgen klappt ganz gut, die Meditation ist schön. Zum Frühstück kaufe ich mir eine Zeitung – nicht so gut. Danach finde ich nur schwer einen Anfang für diesen Artikel. Ich gehe doch ins Internet und schaue meine E-Mails an. Ich lese die Legende von dem Wolf noch einmal und suche im Pali-Kanon nach dem Uposatha-Sutra und anderen für den Mittleren Weg (dem Magazin des BBH) brauchbaren Sprüchen.

Für 10:00 Uhr hatte ich mir vorgenommen, ein wenig aus einer CD mit Lehrreden des Buddha zu hören. Das mache ich unpraktischerweise auf dem Sofa liegend. Da ist es kein Wunder, wenn ich allen Bemühungen zum Trotz einschlafe! Danach fühle ich mich müder als vorher, mein Kreislauf kommt gar nicht mehr in Gang. Fast will ich meinen Uposatha-Tag abbrechen.

Vipassana Meditation
Vipassanā (pali „Einsicht“) bezeichnet im Buddhismus die „Einsicht“ in die Drei Daseinsmerkmale Unbeständigkeit (anicca), Leidhaftigkeit bzw. Nichtgenügen (dukkha) und Nicht-Selbst (anatta).

Der Übungsweg zur Entfaltung dieser Einsicht wird „Vipassana-Meditation“ (vipassanā-bhāvanā), „Einsichtsmeditation“ oder „Vipassana-Praxis“ genannt. Vipassana-Praxis ist ein Weg, um das durch Nichtsehen (avijjâ) und Verblendung (kilesa) verursachte Leiden (dukkha) zu überwinden bzw. im Leben die Befreiung des Nirwana zu erlangen. Er wird auf einen Kommentar (Visuddhi-Magga) zu den im Pali-Kanon überlieferten Lehrreden des historischen Buddha zurückgeführt.

Die Vipassana-Praxis und das Erreichen ihrer Ziele ist grundsätzlich an keine Religionszugehörigkeit gebunden. Vipassana-Meditation wird auch von Nicht-Buddhisten geübt und gelehrt. Wesentlicher Teil der verschiedenen Schulungsmethoden ist die Übung von Achtsamkeit (sati). In der psychologischen Literatur wird Vipassana-Meditation gewöhnlich „Achtsamkeitsmeditation“ statt Einsichtsmeditation genannt. Wikipedia

Ich verbringe ein paar Minuten in Meditation auf dem Balkon. Dann fällt mir ein, dass ich, wenn ich um halb 12 Uhr essen will, mein Essen vorher zubereiten sollte. Das war in meinem Zeitplan gar nicht vorgesehen. Das Essen kochen bringt wieder ein wenig Schwung in mich. Dann esse ich andächtig und ohne Zeitung! Anschliessend lege ich mich noch mal hin, um in einem Mittagsschlaf den letzten Rest von Müdigkeit aus meinem Körper zu bekommen.

Mein Wecker klingelt um 14:00 Uhr. Die nächste halbe Stunde meditiere ich darüber, ob ich den Uposatha-Tag wirklich abbreche. Ich setze mich auf den Balkon und träume in die Gegend. Da huscht eine Ratte durch den Garten – in Gedanken äußere ich ein paar Worte, die sich mit Rechter Rede nicht vereinbaren lassen.

Pünktlich um 14:30 Uhr steht Stephan in der Tür und meint, auf meinem Tagesplan stände jetzt Chinesisch, und das was ich täte, sähe nicht nach Chinesisch lernen aus. Na gut, also versuche ich es doch noch mal! Schließlich kann ich mein Chinesisch-Buch auch auf dem Balkon lesen. Damit komme ich wieder in meinen Tagesplan hinein. Anschließend klappt das Meditieren wieder, und meinen Artikel schreiben kann ich auch.

Mit der Rechten Rede habe ich heute wenig Probleme gehabt, eher war es wieder die Selbstdisziplin, die ich immer wieder irgendwo herholen musste. Dafür habe ich jetzt am Abend wirklichen Hunger. Und Meditieren fällt mir immer leichter!

2019: Besonders an den Feiertagen versuche ich immer noch, nach den Regeln des Uposatha Tages zu leben.

Ulrike

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