Als der Stadtplan noch aus Papier bestand – Reisen früher und heute

Es ist lange her, aber ich weiß noch genau, wie ich in Xi’an auf einer staubigen Kreuzung stand. Der Stadtplan war an den Kanten schon ganz weich vom vielen Aufklappen, und ich hätte mir damals nicht träumen lassen, dass mir Jahre später ein blauer Punkt auf meinem Telefon meinen Standort zeigen würde. Stattdessen musste ich Straßennamen entziffern, nach der richtigen Abzweigung schauen und gegebenenfalls jemanden nach dem Weg fragen. All das fühlte sich damals selbstverständlich an. Heute erscheint mir das fast schon exotisch.

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Orientierung zwischen Papier und Pixel

In China habe ich schnell gelernt, wie Orientierung funktioniert. Ich zählte Kreuzungen, merkte mir auffällige Tempeldächer oder Werbeschilder und wenn ich mich verlaufen hatte, bedeutete das oft keinen Stress, sondern dass ich mit Menschen ins Gespräch kam. Irgendwann kam das Handy hinzu. Zuerst als einfaches Gerät zum Telefonieren, später dann mit Live-Karte und Satellitenbild. 

Auch ich nutze heute Freemail, um nicht nur daheim, sondern auch auf Reisen zu kommunizieren, Buchungsbestätigungen zu erhalten oder Details zur Anreise zu klären. Und dennoch merke ich, dass mir manchmal etwas fehlt, wenn ich mich zu passiv führen lasse. Die digitalen Karten eröffnen mir viele Möglichkeiten, aber sie können auch die Art verändern, wie wir eine Stadt wahrnehmen.

Was ich ohne Smartphone lernte

Damals entwickelte sich Orientierung fast nebenbei. Ich musste mich auf meine Umgebung einlassen. Einige Fähigkeiten sind mir bis heute geblieben:

  • Ich lese Straßenschilder genauer.
  • Ich weiß meistens, wo welche Himmelsrichtung ist.
  • Ich habe keine Scheu, nach dem Weg zu fragen.
  • Ich informiere mich vor einem Ausflug schon grob über die Gegend und ihre Besonderheiten.

Diese Dinge klingen banal. Sie verändern jedoch die Wahrnehmung. In vielen Fällen führte mich ein Umweg zu einem Markt oder einem kleinen Teehaus, das in keinem Reiseführer stand.

China als Schule der Geduld

China war schon früher unübersichtlich. Die Städte wuchsen schnell, so dass selbst ein vor kurzem erst gekaufter Stadtplan schon nicht mehr aktuell war. Auch die Routen der Buslinien änderten sich in einigen Gegenden laufend. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich eigentlich zur Terrakotta-Armee fahren wollte, dann aber im falschen Bus landete und komplett woanders ausstieg, wo dann ein Markt mit dampfenden Nudeltöpfen und lautem Lachen auf mich wartete. Ich sprach mit anderen Menschen und erfuhr dann mehr über die Region, als ich erwartet hatte. Die Terrakotta-Armee habe ich dann einfach an einem anderen Tag besucht.

Zwischen Verlust und Gewinn

Früher bedeutete Reisen, dass man zeitweise unerreichbar war. Familie und Freunde daheim warteten auf Postkarten. Heute kann ich innerhalb von Sekunden ein Foto senden und das Internet hat auch sonst vieles erleichtert. Informationen sind jederzeit zugänglich und es gibt deutlich weniger Missverständnisse. Dennoch bleibt irgendwo die Frage, wie viel Führung wir wirklich auf Reisen brauchen. Ich möchte zwar vieles nicht mehr missen und möchte nicht vollständig zur Papierkarte zurückkehren, dennoch möchte ich mein Smartphone nicht zur alleinigen Entscheidungsinstanz werden lassen. Ich lasse mich nach wie vor gerne treiben, auch wenn mir per GPS eine Abkürzung vorgeschlagen wird.

Zuletzt aktualisiert vor 12 Stunden ago

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