20.07.1991 Reisekater und Ausflüge in Südkorea

Der Haeinsa und andere Highlights

Da bin ich endlich in Südkorea und freue mich über die Herzlichkeit und Fröhlichkeit der Südkoreaner, und doch packt mich wieder eine mir schon bekannte Reisemüdigkeit! Irgendwie wird das nichts mit mir, der großen Abenteurerin! 

Wenn mir nicht so deutlich bewusst wäre, dass dies meine vielleicht einzige Chance ist, unabhängig vor allem von der Zeit zu reisen, spontan mir das nächste Ziel zu suchen, dann säße ich schon lange wieder daheim am Schreibtisch – mit einem geregelten Tagesablauf, einem sauberen Klo und könnte mich mit meinen alten Freunden treffen!

Jetzt, rund 30 Jahre später, weiß ich, dass ich mich irgendwann auch an das unstete Leben des Backpackers gewöhnt habe. Trotzdem fällt es mir ein Jahr nach Südkorea relativ leicht, nach Hause zurückzukehren und wieder zu arbeiten. Aber bis dahin werde ich noch viel sehen und erleben!

Noch bin ich in Südkorea und der größte Teil meines großen Abenteuers liegt noch vor mir! Es ist auch sehr bequem, fast 3 Wochen ins gleiche Zimmer zurückkehren zu können. Das fühlt sich fast wie Zuhause an!

Es gibt außerdem viele tolle Ausflugsziele in der Umgebung! Mich hat am meisten der Haeinsa mit seine alten buddhistischen Druckstöcken beeindruckt.

Aus meinem Reisetagebuch 1991:Kyongju

Regentag in Kyongju und Zwischenbilanz

Am nächsten Tag regnet es. Eine Kanadierin hat mir einen spannenden Krimi vererbt, den ich gemütlich auf der Matratze liegend lese. Zwischendurch nutze ich den faulen Tag, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Eigentlich habe ich nämlich die Nase voll vom Reisen, von den ganzen Unbequemlichkeiten, dem Rucksackpacken etc.

Ich bin jetzt 3 Monate unterwegs, habe 4 Länder mehr oder weniger intensiv kennen gelernt und mich an viele Unbilden gewöhnen müssen. Vieles ist zur Routine geworden.

Manchmal frage ich mich, ob ich mich jemals an den Schmutz, die Armut und die andere Auffassung von „gutem“ Benehmen in diesen Ländern gewöhnen werde. Das Rotzen der Chinesen und das Schlürfen der Japaner sind da fast noch die geringsten Probleme.

Aber der Lärm und die Rücksichtslosigkeit der Menschen! Niemand macht sich Gedanken um die Leute, die noch schlafen wollen (mich z.B.!), wenn er früh aufstehen muss oder spät zu Bett geht. Da wird mitten in der Nacht mit Türen geschlagen, stundenlang laut geredet und mit Plastiktüten geraschelt. Ich habe häufig große Probleme mit dem Schlafen. Es ist zu warm, zu feucht, zu laut oder die Ameisen krabbeln über mich hinweg, nicht ohne mich dabei zu beißen!

Ich habe einen richtigen „Reisekater“ und leide sehr unter meinem Selbstmitleid. Hinzu kommt, dass alle Leute, mit denen ich mich ein wenig angefreundet hatte, bereits weitergereist sind, und ich jetzt niemanden zum Reden habe.

Mr. Kwon ist auch nicht mehr gut auf mich zu sprechen. Denn nicht nur, dass ich mitten in der Nacht Faxe erhalte, nein, ich kann noch nicht einmal den Text zu einem Lied behalten, das ich zu seiner Begleitung am Klavier singen soll – auf Koreanisch!

Auf zu neuen Wanderungen!

Am nächsten Morgen bin ich glücklicherweise wieder frisch und setze ich mich zum Frühstück zu Annemarie, einer älteren Schweizerin, und zu Carsten, einem jungen Apotheker aus Dortmund. Die beiden sind neu angekommen, denen kann ich mit meinen Erfahrungen, die ich schon in Kyongju gesammelt habe, etwas helfen.

In den nächsten Tagen unternehmen wir viel miteinander. Das Eintrittskartenheft für alle Sehenswürdigkeiten in und um Kyongju verleitet uns dazu, eine Sehenswürdigkeit nach der anderen abzuklappern. Jeder grüne Grabhügel muss besucht werden, jeder Tempel besichtigt, jede Statue gesehen werden.

Die grünen Königsgräber

Vor allem Gräber aus der Blütezeit Kyongjus als Hauptstadt des Silla-Reichs im 7. Jh. gibt es jede Menge. Eigentlich sind es immer gleich aussehende runde grasbedeckte Hügel.Dorf in Südkorea beim Haeinsa

Mal wandern wir eine lange Strecke in den Bergen um Kyongju, ohne das gesuchte Grab zu finden. Trotzdem ist diese Wanderung abseits der Touristenpfade sehr schön. Wir haben Glück mit dem Wetter! Die Sonne scheint aus allen Knopflöchern. Meine Nase ist schon ganz rot. Irgendwann kaufe ich mir einen flotten Strohhut.

Alle Gräber sind gepflegt, das Gras kurzgeschnitten und meistens sind Blumen gepflanzt und Kieswege angelegt. Höhepunkt ist dann zuletzt das „Quadratische Grab“, das wir aufgrund seiner ungewöhnlichen Form natürlich nicht auslassen dürfen!

Mittlerweile haben sich Ron und Adinda aus Holland zu uns gesellt. Wir bilden bald eine unzertrennliche Gruppe. Mein Reisekatzenjammer ist nun überwunden.

Verlängerung!

Ich habe nette Gesellschaft und entschließe mich, noch ein paar Tage in Kyongju zu bleiben. Mit Mr. Kwon handele ich einen neuen, niedrigeren Preis für mein Zimmer aus, denn sonst könnte ich es mir gar nicht mehr leisten, weiter hier zu bleiben.

Annemarie, Carsten, Ron, Adinda und ich sitzen häufig abends zusammen und planen die nächsten Ausflüge. Carsten, Ron und Adinda haben „nur“ ein paar Wochen Urlaub, und so muss alles in wenigen Tagen besichtigt werden.

Mit Annemarie gehe ich meistens abends beim Chinesen essen, denn das koreanische Essen schmeckt mir nicht besonders. Be Bim Bap ist fast das einzige Gericht, das ich mag. Es besteht aus Reis mit etwas eingelegtem Gemüse, etwas Hackfleisch, Kimchi, einer scharfen Soße und zwei Spiegeleiern obendrauf. Das vermischt man alles zu einem Brei und isst es mit Stäbchen. Nur mit der roten Soße, die meistens unter dem Spiegelei versteckt ist, sollte man vorsichtig sein, die ist wie vieles in Korea unglaublich scharf.

Ausflüge

Wir fahren ans Meer!

Um mal ein wenig Abwechslung von den Gräbern zu bekommen, fahren Annemarie, Carsten und ich an einem sonnigen Tag nach Taebon ans Meer. Als wir ankommen, regnet es schon wieder. Der Strand in Taebon besteht aus groben Kieselsteinen, das Wasser des Pazifiks ist kalt.

Die Koreaner fahren nicht hierher, um zu baden, sondern um in einem der vielen Zeltrestaurants am Strand Fisch und Muscheln zu essen. Fisch ist sehr beliebt bei den Koreanern, aber auch sehr teuer. Wir essen ein leckeres Be Bim Bap.

Anschließend warten wir an einer Straßenkreuzung auf den Bus nach Kyongju. An dieser Kreuzung bekommt augenscheinlich ein junger Polizist Unterricht im Verkehr lenken. Leider kommen nicht viele Autos vorbei, die er mit seinem ganzen Eifer auf die Benutzung des Blinkers beim Abbiegen aufmerksam machen kann. Trotzdem sieht er unglaublich wichtig aus in seiner schmucken Uniform.

Der Namsan und der Wolkenbruch

In Begleitung von Annemarie, Carsten und den Holländern bekomme ich vieles noch einmal zu sehen, das schöne Nationalmuseum, diverse Gräber und Tempel. Aber es macht auch sehr viel Spaß, nicht alleine durch die Gegend zu ziehen.

Einmal gehen wir zusammen den gleichen Weg, auf dem ich schon mit Margaret und Hiroshi den Namsan hinaufgestiegen bin. Ron gibt schon am Anfang der Steigung auf und kehrt alleine nach Kyongju zurück.

Das Wetter ist sehr drückend und schwül. Als wir endlich oben an dem kleinen Tempel sind, können wir schon von weitem ein Gewitter heranziehen sehen. Ich dränge zur Umkehr. Wir schaffen es gerade noch, den Berg in dem schmalen Bachbett hinunterzusteigen, bevor der Wolkenbruch losgeht. Dann können wir entsetzt beobachten, wie sich der kleine Bach in kürzester Zeit in einen reißenden Fluss verwandelt.

Altes Dorf Yangdong

Manche Ausflüge hätte ich aber auch gar nicht unternommen, wenn ich alleine gewesen wäre. An einem sonnigen Tag fahren wir mit dem Bus nach Yangdong. Das ist ein kleiner Ort, in dem noch viele traditionelle Holzhäuser stehen. Die Häuser stammen aus dem 15. Jh. und gehören alten bäuerlichen Adelsfamilien. Eigentlich möchten die gar nicht so viele Touristen sehen. Deshalb haben wir meistens die Wege für uns alleine. Einen kleinen konfuzianischen Tempel gibt es auch.

Yangdong Südkorea

Yangdong Südkorea

Das Dorf ist wunderschön idyllisch mit einer Kuh, die ihr Kalb säugt, bunten Blumen, Hühnern, die im Mist scharren, Schmetterlingen und zwitschernden Vögeln. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Am Ausgang des Ortes hat uns die Neuzeit wieder: Wir machen Rast unter dem Sonnenschirm eines kleinen Kiosks und trinken eine Cola.

Der buddhistische Haeinsa und der Tripitaka Koreana

Ein Höhepunkt ist unser gemeinsamer Ausflug zum Haeinsa, einem Tempel in der Nähe von Taegu, einer großen Stadt im Herzen Südkoreas. Wir fahren natürlich mit dem Bus dahin. So verbringen wir fast den ganzen Tag in diversen Bussen.

In Taegu müssen wir von einem Busbahnhof zum anderen mit einem Stadtbus fahren. Taegu scheint mir die uninteressanteste Stadt zu sein, die ich je gesehen habe. Die Häuser sind relativ neu und zeichnen sich weder durch Stil noch durch Farbe aus.

Aber der Haeinsa liegt wie so viel Tempel in Korea wunderschön mitten im Wald. Die Gebäude sind beeindruckend. Helles Fachwerk mit dunklen Balken. Überall verzieren Bilder aus dem Leben Buddhas die Tempelwände.

Der Haeinsa ist eine große Attraktion, denn hier werden in speziell dafür gebauten Hallen die hölzernen Druckstöcke der Tripitaka Koreana aufbewahrt. Dies ist die älteste noch erhaltene Sammlung chinesischer Übersetzungen buddhistischer Schriften, eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler Ostasiens. Es sind Druckstöcke, mit denen man die Lehre des Buddhas (Tripitaka Koreana) auf das handgeschöpfte koreanische Papier gedruckt hat, vor Gutenberg!

Wenn man bedenkt, dass die koreanischen Tempel überwiegend aus Holz bestehen und in ihrer langen Geschichte viele Kriege und Verfolgungen erlebt haben, grenzt es an ein Wunder, dass diese Holzplatten 800 Jahre überstanden haben. Die Mönche des Haeinsa scheinen fest davon überzeugt zu sein, dass es auch weiterhin so sein wird, denn die Platten liegen seit mehr als 500 Jahren in eigens für sie gebauten Holzhallen, statt in den modernen klimatisierten Betonhallen nebenan.

Diese alten Hallen des Haeinsa sind interessant wegen ihrer Konstruktion. Statt durchgehender Mauern bestehen die Wände aus Holzstäben, zwischen denen die Luft zirkuliert. Dadurch ist das Klima in den Räumen so, dass die Holzplatten nicht austrocknen. Sie sehen noch wie neu aus.

Heute habe ich keine Lust!

Am nächsten Tag habe ich keine Lust zu weiteren Tempelbesichtigungen. Es ist schwierig, die anderen davon zu überzeugen, dass sie ohne mich losziehen sollen. Sie können nicht verstehen, dass ich im Bewusstsein, dass ich noch viel Zeit habe, nicht jeden Tag unterwegs sein möchte. Manchmal brauche ich auch einfach meine Ruhe.

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Wie alles begann

Ulrike
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