Chinesisch Neujahr oder Frühlingsfest

Das chinesische Neujahr, im Westen meist als „Chinesisches Neujahrsfest“ oder „Frühlingsfest“ bezeichnet, ist das bedeutendste traditionelle Fest in China und in vielen Regionen Ostasiens. In China selbst heißt es Chinesisches Neujahr oder offiziell Frühlingsfest (Chunjie). Es markiert den Beginn eines neuen Jahres nach dem traditionellen chinesischen Lunisolarkalender und fällt auf den Neumond zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar. Seine Geschichte reicht mehrere Jahrtausende zurück und ist eng mit agrarischen Zyklen, Ahnenverehrung, mythologischen Vorstellungen und staatlichen Ritualen verbunden.

Chinesisch Neujahr- Rote Laternen
Rote Laternen

Die Ursprünge des Festes liegen in frühen bäuerlichen Opferzeremonien am Ende des Winters. Bereits in der Zeit der Shang- und Zhou-Dynastien (ca. 1600–256 v. Chr.) wurden Rituale abgehalten, um den Göttern und Ahnen für die Ernte zu danken und um Schutz sowie Wohlstand für das kommende Jahr zu erbitten. Mit der Entwicklung des chinesischen Kalendersystems gewann der Jahreswechsel eine klar definierte zeitliche Struktur. Während der Han-Dynastie (206 v. Chr.–220 n. Chr.) etablierte sich der erste Neumond des Jahres als offizieller Jahresbeginn, wodurch sich viele Bräuche vereinheitlichten und verbreiteten.

Die Legende vom Ungeheuer „Nian“

Die bekannteste Legende zum Chinesisches Neujahr erzählt vom furchterregenden Ungeheuer „Nian“ (年). Der Name „Nian“ bedeutet zugleich „Jahr“ und verweist symbolisch auf den Jahreswechsel.

Der Überlieferung nach lebte Nian tief im Meer oder in den Bergen und kam einmal im Jahr – in der letzten Nacht des alten Jahres – in die Dörfer. Dort zerstörte es Häuser, fraß Ernten und bedrohte Menschen und Tiere. Aus Angst verschlossen die Dorfbewohner ihre Türen und flohen in entlegene Gegenden.

Eines Jahres jedoch erschien ein alter Bettler im Dorf. Während die meisten Bewohner flohen, blieb eine ältere Frau zurück und gewährte dem Fremden Unterkunft. Der Alte versprach, das Ungeheuer zu vertreiben. In der Nacht hängte er rote Tücher an die Türen, entzündete Bambusrohre im Feuer – die mit lautem Knall zerbarsten – und ließ Kerzen hell leuchten. Als Nian erschien, erschrak es vor der roten Farbe, dem grellen Licht und den lauten Geräuschen. Verängstigt floh es zurück in die Dunkelheit.

Am nächsten Morgen kehrten die Dorfbewohner zurück und fanden ihr Dorf unversehrt vor. Sie erkannten, dass Nian Angst vor Rot, Feuer und Lärm hatte. Von da an schmückten sie ihre Häuser jedes Jahr mit roten Schriftzeichen und Laternen, zündeten Feuerwerkskörper und feierten lautstark, um das Ungeheuer fernzuhalten. Aus diesem Brauch entwickelten sich zentrale Traditionen des Neujahrsfests.

Symbolisch steht Nian für Unglück, Chaos und die Gefahren des Winters. Die Rituale – Rot als Farbe des Glücks, Feuer als reinigendes Element und Lärm als Schutz – verkörpern den Übergang vom Alten zum Neuen.

Es entwickelten sich typische Bräuche wie das Aufhängen roter Schriftzeichen und das Abbrennen von Feuerwerkskörpern. Auch wenn diese Geschichte eher mythischen Charakter besitzt, spiegelt sie symbolisch den Wunsch wider, Unglück zu vertreiben und einen glückverheißenden Neubeginn zu schaffen.

Das Neujahrfest heute

Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Fest zunehmend ritualisiert. Während der Tang- (618–907) und Song-Dynastie (960–1279) entwickelte sich das Neujahrsfest zu einem städtischen Großereignis mit Märkten, Laternenfesten und Familienzusammenkünften. Die Feierlichkeiten dauern traditionell fünfzehn Tage und enden mit dem Laternenfest. Zentrale Elemente sind das gemeinsame Familienessen am Vorabend, das Reinigen des Hauses (als symbolische Vertreibung alten Unglücks), das Verteilen roter Umschläge mit Geld sowie das Anbringen von Glückssprüchen an Türen und Fenstern.

Im 20. Jahrhundert erlebte das Fest politische und gesellschaftliche Umbrüche. Nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 wurde es zeitweise stärker säkular interpretiert, während der Kulturrevolution (1966–1976) sogar eingeschränkt. Seit den Reformen ab den 1980er-Jahren erlangte es jedoch wieder seine zentrale gesellschaftliche Bedeutung. Heute ist das Frühlingsfest nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein wirtschaftliches Großereignis: Millionen Menschen reisen in ihre Heimatorte, was als größte jährliche Migrationsbewegung der Welt gilt.

Cuandixia Rote Laternen

International hat sich das chinesische Neujahr durch Migration und Globalisierung verbreitet. In vielen Ländern mit chinesischer Diaspora – etwa in Südostasien, Nordamerika oder Europa – wird es mit Paraden, Drachen- und Löwentänzen sowie Feuerwerken gefeiert. Damit ist es zu einem wichtigen Symbol chinesischer Kultur und Identität weltweit geworden.

Anders als der 1. Januar im gregorianischen Kalender richtet sich das chinesische Neujahr nach den Mondphasen und beginnt mit dem ersten Neumond zwischen Ende Januar und Mitte Februar. Die Feierlichkeiten dauern 15 Tage und enden mit dem Laternenfest, das Erleuchtung und Hoffnung symbolisiert.

Quellen (Auswahl):

  • UNESCO: Eintrag zum Frühlingsfest im Kontext des immateriellen Kulturerbes.
  • The Cambridge Illustrated History of China, Patricia Buckley Ebrey. Cambridge University Press.
  • Encyclopaedia Britannica: Artikel „Lunar New Year“ und „Chinese New Year“.
  • China Internet Information Center: Hintergrundartikel zur Geschichte des Frühlingsfests.

Links

新年快乐 • xīnnián kuàilè = ein frohes neues Jahr!

恭喜发财 • gōngxǐ fācái = Viel Glück und Wohlstand!

Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/melody_art-41364280/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=9358441">Volodymyr</a> auf <a href="https://pixabay.com/de//?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=9358441">Pixabay</a>

Zuletzt aktualisiert vor 12 Stunden ago

5
Ulrike
Letzte Artikel von Ulrike (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar