Stell Dir ein massives Tor vor: Marmorweiß im Sockel, bleichgoldenes Dach, rot glühende Mauern – und im Zentrum: das Porträt von Mao, majestätisch über einem wilden Meer aus Köpfen. Hier, am Tor des Himmlischen Friedens, endet die pulsierende Weite des Tian’anmen-Platzes, und hier beginnt die geschichtsträchtige Kaiserstadt, die Verbotene Stadt. Ein Gefühl wie in einem alten Wachturm, der den Atem einer ganzen Nation in Schach hält.

Ich bin immer wieder gerne daran vorbeigegangen oder hindurchgeschritten. Der Platz ist gewaltig, das Tor wirkt wie ein Höhepunkt und Abschluss der berühmten Platzes.
Vom Himmelsmandat zur nationalen Bühne
137 Jahre bevor Goethe geboren wurde, wurde das Tor 1417 als „Chengtianmen“ errichtet – Tor zur Annahme des Himmlischen Mandats. Aber die Holzkonstruktion wurde 1457 durch Blitz zerstört und 1465 neu errichtet, wodurch der repräsentative Torbau entstand, wie wir ihn heute kennen.
Es diente einst der Verkündung kaiserlicher Erlasse und wurde nur für große Zeremonien wie Krönungen, Hochzeiten und Rituale zu Ehren von Himmel und Erde geöffnet.
Doch das Schicksal ereilte es erneut 1644 inmitten rebellischer Kämpfe, als Aufstände die Ming-Dynastie ablösten. Im achten Regierungsjahr von Kaiser Shunzhi der Qing-Dynastie (1644–1911) wurde es von 1645 bis 1651 wieder aufgebaut und erhielt seinen bis heute gebräuchlichen Namen: „Tian’anmen“ – Tor des Himmlischen Friedens.
Das Tor war über die Jahrhunderte sehr verfallen und wurde 1970 erneut aufgebaut. Das äußere Erscheinungsbild des Torhauses blieb dasselbe wie im Jahr 1651, obwohl es von der ursprünglichen Höhe von 33,87 m um 83 Zentimeter auf 34,7 m angehoben wurde. Seit November 1987 ist der Tiananmen-Turm für die Öffentlichkeit zugänglich und das einfache Volk kann den Turm betreten und den Tiananmen-Platz überblicken, so wie es einst die Staatsoberhäupter taten. Es war schon immer ein Anziehungspunkt für unzählige Touristen aus aller Welt.

Der Blick vom Tor des Himmlischen Friedens
Der Blick von dort aus geht seit April 1958 direkt zum Denkmal der Volkshelden, das in der Mitte des Platzes des Himmlischen Friedens steht. Der Bau begann am 1. August 1952 und wurde im April 1958 abgeschlossen. Es ist das größte Denkmal in der chinesischen Geschichte.

Das Tor und das Denkmal stehen im Mittelpunkt der jährlichen Feiern zum Nationalfeiertag am 01, Oktober. Vor vielen Jahren hatte ich das Glück kurz vor den Feierlichkeiten den Blumenschmuck am Denkmal von dem Tor des Himmlischen Friedens bewundern zu können. Das war schon ein tolles Gefühl!
Das Monument ist 37,94 Meter hoch und wurde aus über 17.000 Teilen Granit und weißem Marmor gebaut. Die Vorderseite trägt die Inschrift „Unsterbliche Helden des Volkes“, deren Vorlage Mao Zedong geschrieben hat.
LieblingsChinesisch
天安门 • Tiān’ānmén = Himmel Frieden Tor = Tor des Himmlischen Friedens
Der chinesische Name des Tores, Tiananmen, setzt sich aus den drei chinesischen Schriftzeichen „Himmel“, „Frieden“ und „Tor“ zusammen, daher die Übersetzung „Tor des Himmlischen Friedens“. Genauer gesagt leitet sich der Name von der viel längeren Phrase „den Auftrag des Himmels empfangen und die Dynastie stabilisieren“ ab.
Architektur – Symbolik in Stein und Holz
Das Tor erhebt sich etwa 32 bis 34 Meter hoch, auf einem weißen Marmorsockel mit fünf majestätischen Durchgängen. Davon war der mittlere ausschließlich dem Kaiser vorbehalten. Es ist eine beeindruckende von Mauern umfasste, von roten Säulen und Drachenornamenten gesäumte Architektur mit Farben, die Himmel und Kaiser symbolisieren.
Der Sockel des Tian'anmen Tors, der von fünf Torbögen durchbrochen wird und auf einem Fundament aus weißem Marmor ruht, ist zehn Meter hoch. Er ist aus riesigen Ziegeln errichtet, von denen jeder etwa 24 Kilogramm wiegt. Auf diesem massiven Bauwerk erhebt sich ein palastartiger Torturm, dessen Dach 33,7 Meter hoch ist. Eine niedrige Mauer umgibt das Tor und umschließt eine Balustrade aus weißem Marmor. Dabei ist das Dach mit den gleichen kaiserlichen gelb glasierten Ziegeln gedeckt wie die Verbotene Stadt.
Auf den Dachfirsten befindet sich eine Reihe von Tieren, die den Palast und seine Bewohner vor Gefahren schützen sollen. Hervorzuheben sind unter ihnen zehn geschnitzte Drachenköpfe an den Enden des Hauptdachs und an jeder Ecke des Doppeldachs.
Kurz vor dem südlichen Eingang zum Tian’anmen-Platz überqueren sieben Bogenbrücken in Form geschwungener Jadegürtel den Goldenen Fluss (Jinshuihe). Davon ist mittlere Brücke etwas breiter als die anderen und durfte früher nur vom Kaiser beschritten werden. Natürlich schritt er nicht selbst, sondern er ließ sich vin einer Sänfte tragen, die die Sänfte quer tragen mussten, denn sie durften ja nicht die mittlere Brücke betreten.
Huabiao-Säulen
Eines der ungewöhnlicheren Merkmale des Tian’anmen-Platzes sind zwei zehn Meter hohe Säulen aus weißem Marmor (Huabiao), die von einer „Schale zum Auffangen des Taus“ gekrönt werden. In jeder Schalen hockt ein aus Stein gemeißeltes Tier, bekannt als „Himmelblickendes Hou“ (ein kleines, löwenartiges Fabelwesen). Diese Schalen dienten dazu, den „Jadetau“ aufzufangen, den der Kaiser trank, um ein langes Leben zu gewährleisten.

Der Legende nach überwachten die „Himmelblickenden Hou“ die Aktivitäten des Kaisers, wenn dieser nicht im Palast war, und hofften, dass er seinen Vergnügungen nicht verfiel. Kehrte der Kaiser nicht rechtzeitig zurück, dann warnten ihn die Wesen: „Eure Majestät, Sie dürfen nicht so viel Zeit mit Vergnügen verbringen. Beeilen Sie sich und kümmern Sie sich um die Staatsangelegenheiten! Wir haben uns beim Warten auf Ihre Rückkehr fast die Augen verrenkt!“ Die „Himmelblickenden Hou“ werden auch „Wachen auf die Rückkehr des Monarchen“ genannt, und die Steinsäulen „Wachsäulen“.
Geheime Verjüngung
Im frühen Sommer 1970 wurde das Tor – inzwischen über 300 Jahre alt – heimlich komplett erneuert. Aber möglichst wenig sollte äußerlich verändert werden. Im Innern verbarg man modernste Technik wie Aufzug, Heizung, Wasser, sogar ein „Luftschutzbunker“ im Fundament. Der Staat tat dies im Geheimen. Selbst die Handwerker durften niemandem davon erzählen.
Bühne der Geschichte
Am 1. Oktober 1949 stand Mao Zedong auf dem Torbalkon, um „mit der Klangwolke seiner erhabenen Stimme“ die Gründung der Volksrepublik China zu verkünden. Dieses Ereignis verwandelte das Tor endgültig in ein Nationalsymbol, sein Bildnis wurde zur ikonischen Kulisse.

Die Aufschriften, die rechts und links vom zentralen Durchgang stehen, lauten folgendermaßen:
Links: 中华人民共和国万岁 (Zhōnghuá Rénmín Gònghéguó wànsuì „Lang lebe die Volksrepublik China!“)
Rechts: 世界人民大团结万岁 (Shìjiè rénmín dà tuánjié wànsuì „Lang lebe die große Einheit der Völker der Welt!“)
Symbol der Macht und Identität Chinas
Kaiserliche Macht: Das Tor war einst dem Kaiser vorbehalten und symbolisierte die Autorität des Kaisers über das Reich.
Nationale Identität: Heute ist es ein starkes Symbol für die chinesische Einheit, den Stolz und die Widerstandsfähigkeit des Landes.
Mao-Porträt: Das monumentale Porträt von Mao Zedong, das über dem Tor hängt, ist eine nationale Ikone und eines der meistreplizierten Bilder der Welt.
Fazit: Eine Schwelle zwischen Dynastie und Volk
Das Tor des Himmlischen Friedens ist mehr als ein Bauwerk. Es spiegelt den Wandel Chinas wider – von zartem kaiserlichem Glanz über zerstörerische Kriege bis zur monumentalen Bühne der neuen Republik. Es trägt auf seinem Rücken Geheimnisse, Politik und die Stimme des Volkes. Wer heute unter seinen Bögen hindurchgeht, durchschreitet zwei Welten zugleich: Geschichte und Gegenwart.
Quellen
Links
- Die Verbotene Stadt
- Meine persönlichen Erfahrungen mit dem Tiananmen
- Die Kulturrevolution und ihre Kinder
- Der Erste Oktober, Nationalfeiertag in China
Zuletzt aktualisiert vor 3 Monaten ago
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