Ein Tagesausflug führte mich bei schönstem Sonnenschein nach Biberach an der Riß. Die kleine Stadt – ca. 35.000 Einwohner – ist nur 20 bis 30 Minuten mit dem Zug von Ulm entfernt. Also ideal für einen Ausflug.
Als erstes tat sich mir, vom Bahnhof her kommend, die schöne Altstadt mit der Kirche auf. Aber zunächst möchte ich Euch ein wenig die Geschichte des Ortes nahebringen.

Geschichte von Biberach an der Riß
Biberach an der Riß hat eine lange und bedeutende Geschichte, die bis in die Ur- und Frühgeschichte zurückreicht. Archäologische Funde belegen eine kontinuierliche Besiedlung des Gebiets seit der Jungsteinzeit. Besonders in der Bronze- und Eisenzeit war das Rißtal ein bevorzugter Siedlungsraum, da die fruchtbaren Böden und die Nähe zum Wasser gute Lebensbedingungen boten.
In der römischen Zeit verlief in der Nähe die wichtige Heerstraße zwischen den Kastellen entlang des Limes. Zwar lag Biberach nicht direkt in einem römischen Stadtgebiet, doch Funde wie Münzen und Keramiken weisen auf Kontakte zur römischen Kultur hin.
Nach dem Rückzug der Römer im 3. Jahrhundert übernahmen die Alamannen das Gebiet. Im 6. Jahrhundert kam es unter fränkische Herrschaft. Erste urkundliche Erwähnungen datieren aus dem 10. Jahrhundert. Der Name „Biberach“ geht vermutlich auf das althochdeutsche „Biberaha“ zurück – der „Bach, an dem Biber leben“ –, was die naturnahe Umgebung beschreibt.

Im Jahr 1083 wurde Biberach erstmals schriftlich als Siedlung genannt. Die günstige Lage am Fluss und an Handelswegen begünstigte das Wachstum, und im Jahr 1281 verlieh König Rudolf von Habsburg Biberach das Stadtrecht. Damit begann die Blütezeit als Freie Reichsstadt. Biberach hatte damit eine privilegierte Stellung, die bis zur Mediatisierung 1803 bestand. In dieser Zeit florierte insbesondere das Weberhandwerk, und Biberach war für seine Leinentuche bekannt.
Eine Besonderheit der Stadt war die frühe Einführung der Parität: Seit dem Westfälischen Frieden (1648) wurde die Stadt sowohl katholisch als auch evangelisch verwaltet – ein Modell, das bis heute im Simultaneum der Stadtpfarrkirche St. Martin sichtbar ist.
1803 verlor Biberach den Status als Reichsstadt und fiel zunächst an das Kurfürstentum Bayern, kurz darauf an das Königreich Württemberg. Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt weiter zu einem regionalen Verwaltungs- und Wirtschaftsstandort.
Altstadt & Marktplatz – Herzstück der Stadt
Der Marktplatz gilt als einer der schönsten in Süddeutschland – umrahmt von prächtigen Bürgerhäusern, dem offenen Rathaus aus dem 15. und 16. Jahrhundert und dem typischen Marktbrunnen. Jeden Mittwoch und Samstag lockt hier der größte Frischemarkt der Region zum Bummeln ein (Reise-Idee Verlag, Bodensee.de). Cafés und Straßengastronomie laden zum Verweilen ein (erlebnis-oberschwaben.de, tourismus.biberach-riss.de).
Simultankirche St. Martin – ein einzigartiger Ort der Zusammenführung
Die Stadtpfarrkirche St. Martin ist eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands. Katholiken und Protestanten teilen sich dieses eindrucksvolle Bauwerk mit gotischem Ursprung und barocker Innenausstattung – getragen von der weltweit einmaligen Stiftung Gemeinschaftliche Kirchenpflege.
Da mußte ich zunächst mal nachschlagen, was „Simultankirche“ heißt:
Simultankirche
Simultankirche, auch Simultaneum oder paritätische Kirche, bezeichnet einen von mehreren christlichen Konfessionen in konfessioneller Parität gemeinsam genutzten Sakralbau.
Die Gottesdienste finden im Allgemeinen getrennt statt, ein gemischter Gottesdienst wird allenfalls ausnahmsweise praktiziert. In kleinerem Rahmen werden beispielsweise Krankenhauskapellen oft derart genutzt.
Wikipedia
Die Stadtpfarrkirche von Biberach St. Martin ist eines der bedeutendsten Wahrzeichen von Biberach an der Riß und ein eindrucksvolles Zeugnis der Religionsgeschichte und städtischen Entwicklung. Sie befindet sich im Herzen der Altstadt und prägt mit ihrem markanten Turm das Stadtbild.
Der Bau der Kirche begann um 1330 im gotischen Stil und wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erweitert und umgestaltet. Die ältesten Teile, wie der Chor und Teile des Langhauses, stammen aus dem 14. Jahrhundert. Der charakteristische Turm wurde im 16. Jahrhundert errichtet. Im Inneren der Kirche finden sich bedeutende Kunstwerke aus verschiedenen Epochen, darunter gotische Fresken, ein spätgotischer Hochaltar und barocke Ausstattungen.

Besonders bemerkenswert ist das Simultaneum, das seit dem Westfälischen Frieden von 1648 besteht. Beide Konfessionen haben eigene Altäre und halten abwechselnd Gottesdienste – ein Symbol für Toleranz und ein friedliches Miteinander.

St. Martin ist nicht nur religiöser Mittelpunkt, sondern auch kultureller Treffpunkt. Neben Gottesdiensten finden dort regelmäßig Konzerte und Veranstaltungen statt. Die Kirche wurde in den letzten Jahrzehnten sorgfältig restauriert und ist heute ein beliebtes Ziel für Besucher und Pilger.
Was mich am meisten begeistert, ist, dass ich eine Taube beim Brüten beobachten kann. Die zweite Taube versucht derweil, mich von dem Nest abzulenken und fortzuführen. Mal wieder hat mich das Kleine und Alltägliche in seinen Bann geschlagen.
Spaziergang durch Biberach
Bei einem Spaziergang sehe ich viele Fachwerkhäuser. Biberach ist eine schöne, saubere Stadt. Ich finde es traurig, dass an einem Sonntag Ende April so wenig Touristen zu sehen sind. Ich genieße den Sonnenschein.
Weberberg – Historisches Zunftviertel
Das älteste Stadtviertel mit zahlreichen Fachwerkhäusern war einst Zentrum der Barchent-Weberei: Hier standen bis zu 400 Webstühle. Heute ist der Weberberg ein beliebter Ort für Stadtführungen – inklusive Geschichten über Reichtum, Handwerk und Reformation (Wikipedia).

Gigelberg & Weißer Turm
Der Gigelberg ist eine grüne Oase mitten in der Stadt, inklusive Stadtgarten, historischer Mauerreste, Spielplatz und Aussichtsturm („Weißer Turm“). Vom Aussichtspunkt Schillerhöhe genießt man einen traumhaften Blick über die Dächer von Biberach, bei klarer Sicht sogar bis zu den Alpen (tourismus.biberach-riss.de).
Museum Biberach – Kunst, Geschichte & Natur
Höhepunkt meines Besuchs in Biberach ist sicherlich das Museum:
Das renommierte Vier‑Sparten‑Museum zählt zu den bedeutendsten in Baden‑Württemberg. Zu sehen sind prächtige Künstlerateliers der Münchner Maler Braith & Mali, Werke von Ernst Ludwig Kirchner sowie Sammlungen zur Archäologie, Naturkunde und Stadtgeschichte. Es versteht sich von selbst, dass ich mir das nicht entgehen lasse.
Das Museum ist im Hospital zum Heiligen Geist, dem größten erhaltenen mittelalterlichen Komplex der ehemaligen Freien Reichsstadt Biberach, untergebracht (Wikipedia). Es präsentiert vier Abteilungen: Naturkunde, Archäologie, Stadtgeschichte und Kunst.
Ein Schwerpunkt ist Leben und Arbeiten in der mittelalterlichen Reichsstadt. Eine besondere Rolle für die wirtschaftliche Blütezeit im 14. Jahrhundert nimmt der Biberacher Barchent ein, ein Mischgewebe aus heimischem Leinen und importierter Baumwolle. Abgelöst wird das Weberhandwerk ab dem 16. Jahrhundert durch das Gerberhandwerk als wichtigem Wirtschaftszweig. Die Kunst des Webens können Besucherinnen und Besucher in einer eigenen Abteilung erleben:
Naturkunde & Archäologie
- Es zeigt realistisch gestaltete Biotope mit heimischer Flora und Fauna sowie interaktive Medien zur Landschaftsgeschichte
- Die archäologische Abteilung umfasst rund 22.000 Funde aus über 300 Fundstellen in Oberschwaben – von der Steinzeit bis zur alemannischen und römischen Epoche: Als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Denkmalschutzes seit den 1920er Jahren entdeckte Forschner die Waffen und Werkzeuge steinzeitlicher Rentierjäger, die Siedlungs- und Nahrungsreste bronzezeitlicher Pfahlbaufischer oder die kostbaren Grabbeigaben der Alamannen. Mit den Fundstücken von mehr als 300 regionalen Fundplätzen ist die Sammlung Forschner eine der bedeutenden archäologischen Privatsammlungen Deutschlands.

Geschichte & Stadtentwicklung
- Rund 1.000 Jahre Stadtgeschichte werden in Exponaten zur mittelalterlichen Reichsstadt, Handwerk, Pest, Hungersnot sowie dem Dreißigjährigen Krieg dargestellt.
- Typisch für Biberach ist die Bikonfessionalität: die Simultan‑Kirche und ein paritätisch besetztes Rathaus als Ausdruck früher konfessioneller Toleranz (Museum Biberach).
- Besonders: die Dokumentation des lokalen Brauchs der Weber‑Weberei, z. B. Barchent, sowie später das Gerberhandwerk (Museum Biberach).
Kunst
- Das Museum beherbergt bedeutende Werke oberschwäbischer Künstler, u. a. Johann Heinrich Schönfeld, Johann Baptist Pflug sowie moderne Künstler wie Jakob Bräckle, Julius Kaesdorf, Romane Holderried Kaesdorf (Wikipedia).
- Die historischen Ateliers von Anton Braith und Christian Mali (die Tiermaler aus München, Biberacher Herkunft) sind als Salons original erhalten und Namensgeber für die ursprüngliche Museumsbezeichnung „Braith‑Mali‑Museum“ (Wikipedia). im Sc
- Moderne Raumgestaltung mit dem Atelier von Jakob Bräckle sowie Glanzstücke wie Gemälde und Drucke des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner runden das Kunstangebot ab (Museum Biberach).
Des Esels Schatten
Zum Schluss machte ich Pause und aß ein Eis im Schatten des Esels.

Des Esels Schatten
Wikipedia
Plutarch, Moralia, 848A/B: Einmal aber gehindert zu sprechen vor den Athenern in der Volksversammlung, sagte er (Demosthenes), er wolle ihnen etwas Kurzes erzählen. Als sie nun schwiegen, erzählte er: „Ein junger Mann mietete in der Zeit des Sommers einen Esel aus der Stadt (Athen) nach Megara. Aber zur Mitte des Tages und als heftig die Sonne brannte, wollte sich jeder von den beiden in den Schatten (des Esels) setzen. Sie bedrängten einander, der eine aber sagte, er habe den Esel vermietet, nicht den Schatten, der andere aber, dass er das Recht gemietet habe, alles zu haben.“ Und nachdem er (Demosthenes) das erzählt hatte, ging er weg. Als aber die Athener ihn aufhielten und begehrten das Ende der Geschichte hinzuzusetzen, sagte er: „Oh, über den Schatten des Esels wollt ihr etwas hören, wenn ich aber über wichtige Staatsangelegenheiten spreche, wollt ihr nicht (zuhören).“
Wieland‑Museum – auf den Spuren eines Dichters
Es gibt noch viel mehr zu entdecken: So das ehemaligen Gartenhaus von Christoph Martin Wieland, ein Museum Einblicke in das Leben und Werk des hier aufgewachsenen Dichters. Ergänzt durch das Wieland‑Archiv mit Handschriften, Briefen und Büchern sowie multimediale Ausstellungen (Wikipedia)
Feste & Veranstaltungen
Das berühmte Biberacher Schützenfest im Juli ist eines der größten Heimatfeste Süddeutschlands – zehn Tage mit farbenfrohen Umzügen, historischem Lagerleben, Pferden und Kinderprogramm (Reise-Idee Verlag). Auch Filmfestspiele, Jazzpreis oder Tanz‑Projekte bereichern das kulturelle Jahresprogramm (Reise-Idee Verlag).
In der Adventszeit lockt ein stimmungsvoller Christkindlesmarkt mit feierlicher Atmosphäre – beliebt bei Einheimischen und Besuchern.
Highlights & Besuchsinfos
- Ein detailliertes 3‑D‑Stadtmodell im Erdgeschoss ist kostenfrei zugänglich und Bestandteil vieler Stadtführungen (myCityHunt.de).
- Kinder‑ und Familienprogramme (z. B. Steinzeitgeburtstage, Weberei‑Workshops, Räuber‑Veri‑Erlebnisse) machen Geschichte und Natur erlebbar (Museum Biberach).
- 2023 wurden mit 44.700 Besuchenden so viele Gäste wie nie zuvor gezählt, dank populärer Sonderausstellungen und vielseitigem Veranstaltungsprogramm (Schwäbische Zeitung).
- Tägliche Öffnungszeiten: Dienstags bis Sonntags 11 – 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr; Eintritt variabel, Kinder häufig frei, sonnabends auch für Erwachsene kostenlos (Museum Biberach).
Tipps für Deinen Besuch
- Beste Reisezeit: Sommer für Schützenfest und Radfahren, Winter für den Christkindlesmarkt
- Führungen: StadtVerführungen oder historische Führungen (z. B. am Mittwochnachmittag oder Samstag) (Bodensee.de, StadtLandTour.de, Schwäbische Alb)
- Mobilität: Innenstadt-Parkhäuser wie nahe der Stadthalle; für Radfahrer: Stellplätze und Ladestationen vorhanden
- Anreise: Stadt liegt am Fluss Riß, ca. 45 km südlich von Ulm; gut erreichbar via A7/B30, Bahnverbindung verfügbar, Flughafen Memmingen in rund 60 km Entfernung (Meine Ferienregion)
Fazit
Biberach an der Riß vereint historische Schönheit, kulturelle Vielfalt und Alltagserlebnisse mit schwäbischer Lebensart. Ob auf dem Rad, beim Museumsbesuch oder auf dem Fest – die Stadt lädt ein zu einer unverwechselbaren Reise in Geschichte und Genuss.
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