Nicht vergessen: Stolperstein für Heinrich Brügge

Knapp 500 Schritte sind es von meiner Wohnungstür bis zu diesem Stolperstein im Nedderndorfer Weg.Stolperstein für Heinrich Brügge

HIER WOHNTE
HEINRICH BRÜGGE
JG. 1896
EINGEWIESEN 1943
HEILANSTALT
MAINKOFEN
TOT 14.5.1944

Ich komme da nicht oft vorbei. Der Nedderndorfer Weg ist eine ruhige Seitenstraße der Horner Landstraße.

Ich bin vor einiger Zeit zufällig darüber gestolpert. Seitdem geht mir dieser Stolperstein nicht mehr aus dem Sinn. Grau und unscheinbar, seit Jahren nicht mehr geputzt, liegt er da und wird wohl kaum beachtet.

Schon oft habe ich mir vorgenommen, ihn mal mit einem weichen Tuch zu reinigen. Hoffentlich klappt das endlich in den nächsten Wochen! Zeit genug ist da.

Nun endlich schreibe ich wenigstens drüber.

Wer war Heinrich Brügge? Eins verrät der Stolperstein gleich: Er war 47 Jahre alt, als er in eine Heilanstalt eingewiesen wurde, wo er wenig später verstarb.

Auf der Seite der Stolpersteine erfahre ich mehr:

Heinrich Brügge
geb. 14.2.1896 in Horneburg, gestorben am 14.5.1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen/Niederbayern. 1. Weltkrieg: Nach mehrmonatiger Ausbildung kam er als Musketier im Westen zum Einsatz, wo er mehrmals verwundet wurde. Heinrich Brügge litt zudem unter der Kriegssituation als solcher, weshalb er 1917/18 einige Monate auf einer “Nervenstation” behandelt wurde.

Nach Kriegsende kehrte er in seinen Beruf zurück und verheiratete sich mit Susanne Meins; 1919 und 1920 wurden ihre beiden Töchter geboren. Als Heinrich Brügge im Herbst 1923 seine Arbeit verlor, begann sich eine “traurige Verstimmtheit” bemerkbar zu machen, die sich zu Suizidabsichten steigerte, und körperlich verfiel er.

In den folgenden Jahren kam er immer wieder mit unterschiedlichen Diagnosen (z.B. Schizophrenie) in Heilanstalten unter.

Die Ehe wurde am 29. Januar 1936 rechtskräftig geschieden.

Im April 1939 wurde im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf die Zwangssterilisierung vollzogen. Mittlerweile lebte Heinrich Brügge vier Jahre in “Alsterdorf”. Er war verträglich, verrichtete leichte Arbeiten im Innen- oder Außendienst, und nach einer Furunkulose, die er am Anfang seines Aufenthalts durchgemacht hatte, erkrankte er nicht wieder. Am 7. Dezember 1942 musterte die Wehrmacht den inzwischen 46 Jahre alten Veteranen endgültig aus.

Heinrich Brügge lebte 8 Jahre in den Alsterdorfer Anstalten. 1943 wurde er dann in die Heilanstalt Mainkofen überführt wurde.

Am 14. Mai 1944 starb Heinrich Brügge angeblich an Lungentuberkulose.

Quelle: © Stolperstein-Initiative Hamburg-Horn

Dies sind nur Auszüge aus der bewegenden Geschichte eines unglücklichen Mannes. Die ganze Geschichte könnt Ihr auf der Seite der Stolpersteine nachlesen.

Am 21. Dezember 1943 schrieb Susanne R. an die Leitung der Pflegeanstalt Mainkofen: “Nach dem Angriff auf Hamburg ist mein gesch. Mann Johann Heinrich Brügge, geb. 14. Februar 1896, in Ihre Anstalt überführt worden. Ich bitte Sie, meinem gesch. Mann mitteilen zu wollen, dass seine beiden Töchter Margarete und Lieselotte, sowie seine Eltern, bei dem Angriff auf Hbg. am 27. Juli 43, ums Leben gekommen sind. Alle befanden sich in der Zeit in der Wohnung Wikingerweg 9. Seinem Bruder Willi Brügge, z. Zt. im Felde, habe ich auch Nachricht zukommen lassen. Ich bitte Sie, mir Nachricht zukommen zu lassen, wie es meinem gesch. Manne geht und wie er die Todesanzeige aufgenommen hat.” Sie erhielt die Antwort, dass es ihrem geschiedenen Mann unverändert ginge und er die Nachricht vom Tod seiner Eltern und Töchter ohne sichtliche Bewegung aufgenommen habe.

Welch eine traurige und beeindruckende Geschichte.

Die Heilanstalt Mainkofen ist heute ein modernes Bezirksklinikum. 2011 wurde das Hundertjährige Bestehen gefeiert. Die Klinik ist ihrer ursprünglichen Ausrichtung treu geblieben: Sie ist heute Fachklinik für Psychiatrie Psychotherapie und Psychosomatik, Forensische Psychiatrie, Neurologie und Neurologische Frührehabilitation.

In einem langen Absatz über die Geschichte der Klinik kann man mehr über die Schrecken der Psychiatrie und ihren Umgang mit dem “lebensunwerten Leben” erfahren.

Am 28. Oktober 2014 wurde nach 2-jähriger Bauzeit eine Gedenkstätte eröffnet. Hier soll bewusst an die Opfer der Psychiatrie in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen während des Nationalsozialismus erinnert werden, die – nicht nur in dieser Einrichtung – nach den menschenverachtenden Vorgaben eines  verbrecherischen Regimes, seiner subalternen Mittäter und Helferhelfer, Unmenschliches erleiden mussten.

Diese Stätte, der Friedhof der ehemaligen Heil und Pflegeanstalt mit Leichenhalle und Prosektur soll ein „Ort des Erinnerns an die Opfer der Psychiatrie im Nationalsozialismus” sein. Die Gedenkstätte ist frei zugänglich. Quelle.

Ich gebe zu, ich habe viele der o.g. Zeilen aus den besagten Quellen einfach kopiert. Mir selbst fehlen die passenden Worte. Ich bin völlig aufgelöst. Gerade in diesen dramatischen Geschichten kommt uns das Grauen sehr nahe! Es ist gut, dass es diese Stolpersteine gegen das Vergessen gibt!

Heute, am 27. Januar, ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Es ist ein einzelner Tag, aber die Stolpersteine sind jeden Tag da!

Mahnmal für die Kinder vom Bullenhuser Damm

Ulrike

3 Kommentare

  • Ja, das hab ich auch schon gedacht. Schrecklich, einfach nur schrecklich!

  • Nemorino

    Danke für diese Schilderung eines traurigen Lebens. Heute würden wir wohl von einer posttraumatic stress disorder (PTSD) reden, eine nicht seltene Folge von fürchterlichen Kriegserlebnissen.

  • Ich bin sprachlos. Danke für diesen Bericht, der sehr ergreifend ist.

    Liebe Grüße
    Liane

Ich freue mich auf Deinen Kommentar!