19.06.1991 Altes Japan in Takayama und Kanazawa

Nach den großartigen Tempeln und Sehenswürdigkeiten von Kyoto und Nara möchte ich mehr vom traditionellen Leben in Japan kennenlernen. 

Nach Takayama lockt mich die Beschreibung, die mal in einer Zeitschrift gesehen habe. Alte traditionelle Häuser und die Jugendherberge in einem alten Tempel: Das klingt verlockend!

Kanazawa liegt dann irgendwie als nächste Station nahe. Eine Stadt von der Größe Hannovers – das interessiert mich! Dazu dann die geheimnisvollen Häuser der Geishas und der Samurai! Spannend!

Aus meinem Reisebericht 1991:

Ise Schrein

Ise Jingu Schrein
Bild von G Kenny auf Pixabay

Das traditionelle Japan

19.06.1991 Der Ise-Schrein – bedeutendes Heiligtum

Von Nara aus fahre ich nach Ise, wo sich ein bedeutendes Heiligtum der Japaner, der Ise-Schrein, befindet. Da es keine Jugendherberge gibt, übernachte ich auch hier in einem Ryokan, einem japanischen Hotel. Ise ist eine kleine Stadt umgeben von Bergen, Wald und Parks.

Frühmorgens im Kaufhaus

Morgens bin ich schon früh unterwegs. Als erstes möchte ich mir fürs Frühstück in einem Kaufhaus ein wenig Brot und Margarine kaufen. Dabei erlebe ich etwas ganz ungeheuerliches: Das Kaufhaus hat gerade geöffnet, in zwei Reihen stehen die Direktoren im dunklen Anzug vor dem Haupteingang und verbeugen sich tief vor mir, als ich hineingehe.

Mir ist das völlig unheimlich, ja sogar ein wenig peinlich. Später habe ich gehört, dass es in Japan üblich ist, dass die obersten Manager eines Kaufhauses bei Geschäftsbeginn die ersten Kunden so begrüßen, um ihren Respekt zu zeigen und deutlich zu machen, dass der Kunde König ist bei ihnen.

Das Heiligtum der Göttin Amaterasu

In Ise dreht sich alles um den Ise-Schrein, das Heiligtum der Göttin Amaterasu, auf die die Kaiser von Japan ihre Herkunft zurückführen. Der Schrein liegt mitten in einem weitläufigen Park. Das Gelände des Allerheiligsten, wo sich die Hütte befindet, in der Amaterasu wohnt, darf nur von ausgewählten Priestern betreten werden. Es ist außerdem streng untersagt, dort zu fotografieren. Der Schrein selbst ist die besagte Hütte, die alle 20 Jahre bei einer großen Feier neben der alten identisch neu gebaut wird. Es heißt, dass die Hütte heute noch genauso aussieht wie die erste, die vor mehr als 2500 Jahren gebaut worden sein soll. Ich bin sehr beeindruckt von der langen Kontinuität dieser Tradition.

Ausflug ans Meer

Mittags fahre ich nach Toba, einem Ort am Meer, und lasse mir den Seewind um die Nase wehen. Die Sonne scheint strahlend und schnell habe ich einen Sonnenbrand. In einem kleinen Restaurant leiste ich mir frische Muscheln. Das Leben kann so schön sein!

19.06. – 20.06.91 Takayama, eine denkmalgeschützte Stadt

Als ich am nächsten Morgen nach Takayama weiterfahre, regnet es leider. Ich will nach Takayama, weil ich in Deutschland in einer Illustrierten gelesen hatte, dass die Jugendherberge hier in einem alten Tempel untergebracht ist.

Takayama ist eine idyllische Kleinstadt, in der sich noch viele alte Häuser erhalten haben. Ganze Straßenzüge stehen unter Denkmalschutz. Die Jugendherberge ist wunderbar unter alten Bäumen oberhalb des Ortes gelegen. Wegen der Regenzeit sind nicht viele Touristen unterwegs. Deshalb habe ich einen Tatami-Schlafsaal für mich alleine. Herrlich!

Malerische Gassen und alte Häuser

Trotz des Regens laufe ich den ganzen Tag in den malerischen Gassen herum.

Wenn es mir draußen zu nass ist, flüchte ich in eines der vielen kleinen Museen, die es an jeder Ecke gibt. So erfahre ich etwas über das Leben in den alten Häusern, über Braukunst und Archäologie. Natürlich gibt es auch den einen oder anderen Tempel zu besichtigen.

Takayama

Bild von Shun1Koz auf Pixabay

In einem traditionellen Restaurant leiste ich mir eine der Spezialitäten Takayamas, ein Gericht aus wilden Kräutern, rein vegetarisch. Ich bin nicht sehr beeindruckt und werde auch nicht satt davon.

Ein erstes „Heimweh“ nach China überkommt mich. Vielleicht ist mir in Japan alles ein wenig zu sauber, zu perfekt. Ich würde gerne mal wieder Tomaten mit Rühreiern in einem dunklen chinesischen Restaurant essen!

20.06. – 23.06.91 Kanazawa: Geishas und Samurais

Weil es am nächsten Morgen immer noch regnet, fahre ich weiter nach Kanazawa. Denn da ich den Japan Rail Pass (eine Netzkarte für die Japanischen Eisenbahnen) habe, brauche ich mir um die Kosten der Bahnfahrten keine Gedanken zu machen und kann so schön bequem und im Trockenen durch die bergige Landschaft Japans fahren.

Die Finanzen und meine Sehnsucht nach China

Ich nutze die Zeit, mir mal Gedanken um meine Ausgaben zu machen, die hier in Japan übelst explodieren. Alles in Allem habe ich erhebliche Probleme, mich an das teure Leben in Japan zu gewöhnen. Selbst wenn ich nur in Jugendherbergen übernachte, sind meine Ausgaben viel höher als erwartet. Ich ärgere mich immer, wenn ich einen Tempel nicht besichtige, weil mir das Eintrittsgeld zuviel ist.

Ich muss auch daran denken, dass ich, je mehr ich ausgebe, desto weniger Zeit habe fürs Reisen. Denn sobald ich pleite bin, muss ich zurück nach Hause. Und das will ich noch lange nicht. Bislang halten sich meine täglichen Ausgaben in Grenzen.

Um die Übersicht nicht zu verlieren, führe ich genau Buch. Für jeden Tag stelle ich mir einen bestimmten Betrag zur Verfügung, den ich versuche, nicht zu überschreiten. Natürlich variiert der Betrag je nachdem, in welchem Land ich mich befinde. Es ist ein nur für mich durchschaubares Durcheinander von „gedachten“ und „tatsächlichen“ Gesamt- und Einzelbeträgen.

Seit einer Woche bin ich in Japan und sehne mich bereits danach, zurück nach China zu gehen. Wenn es nicht so viel zu sehen gäbe und ich nicht die Fahrkarte hätte, die noch drei Wochen gültig ist, würde ich sicher schon jetzt weiter nach Korea fahren.

Außerdem fühle ich mich einsam, weil so wenig andere Traveller unterwegs sind. In Jugendherbergen, die nicht in den Orten mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten liegen, habe ich sogar häufig den Schlafsaal ganz für mich alleine.

Wo bin ich denn hier gelandet?!

So ist es nun auch in Kanazawa. Die Jugendherberge ist klein und liegt in einem Vergnügungsviertel nicht weit vom Stadtzentrum.

Neben obskur wirkenden Bars gibt es auch Kinos und die beliebten Pachinko-Spielhallen. Pachinko ist der japanische Ersatz für den Einarmigen Banditen: oben wirft man einige Metallkügelchen in eine Maschine und unten kommen, wenn man Glück hat, noch mehr raus. Diese kann man an einer Theke in Sachgewinne wie Teddybären oder Teetassen tauschen. Über dem sowieso schon ohrenbetäubenden Lärm der fallenden Kugeln tönt aus Lautsprechern am liebsten Marschmusik. Es gibt viele Japaner, die den ganzen Tag vor diesen Automaten verbringen.

An jeder Straßenecke in diesem Viertel stehen Getränkeautomaten. Für ein paar Mark kann man sich dort von Cola (eisgekühlt) über Kaffee (kochend heiß) bis Whisky (Zimmertemperatur) alles, was man braucht, ziehen. Sogar für die notwendigen Eiswürfel gibt es Automaten.

Ich gehe lieber in einen Supermarkt, der 24 Stunden am Tag geöffnet hat, wie die große Aufschrift auf dem Schaufenster ankündigt. Immer häufiger verpflege ich mich selbst, kaufe mir Weißbrot, Margarine und Marmelade. Käse, Tomaten und Thunfisch in Dosen ergänzen meine Diät.

Sushi in der Sushi-Bar

In Kanazawa besuche ich zum ersten und für meinen Aufenthalt in Japan letzten Mal eine Sushi-Bar. Das kleine Restaurant liegt mitten in der großen Markthalle, in die ich per Zufall gerate. Ich befinde mich in Japan, also muss ich wenigsten einmal Sushi probieren, auch wenn mich der Gedanke an rohen Fisch nicht gerade begeistert.

In der Bar setze ich mich an den Tresen, Tische gibt es nicht. Vor mir stehen ein Gefäß mit Essstäbchen und diverse Fläschchen mit Sojasoße und anderen Gewürzen. Aus einem Hahn in dem Aufbau vor mir kann ich mir den kostenlosen grünen Tee zapfen. Darüber fahren auf einem kleinen Fließband die unterschiedlichsten Sushi-Häppchen an mir vorbei. Wenn mir etwas gefällt, nehme ich mir den entsprechenden Teller und esse das Sushi. Dadurch häufen sich die Tellerchen vor mir, die je nachdem, wie teuer das Häppchen ist, eine unterschiedliche Form oder Farbe haben.

SushiAls ich fertig bin, ruft eine Kellnerin der Kassiererin die Anzahl meiner Teller zu, die dann den entsprechenden Betrag von mir erhält. Ich finde das ziemlich kompliziert und fühle mich völlig unsicher, vor allem weil ich nicht im Voraus weiß, wie viel das alles kosten wird. Zaghaft nehme ich mir nach und nach einige Teller mit Sushi. Es sind Stücke von rohem Fisch, die appetitlich auf einem Klecks Reis arrangiert sind. Es gibt auch Krabben und Muscheln. Von allem, was wie Lachs oder Kaviar aussieht, lasse ich die Finger, denn ich will nachher beim Bezahlen keine böse Überraschung erleben.

Zwischen Fisch und Reis befindet sich immer ein Klecks scharfe grüne Meerrettichpaste, was ich allerdings zuerst nicht weiß. Deshalb beiße ich unbekümmert in den Happen und verschlucke mich sofort. Ich kann kaum Luft holen, so scharf ist das Zeug! Ich verabscheue Meerrettich! Vorsichtig schaue ich mich um, ob mich jemand beobachtet, dann kratze ich die grüne Paste vom Reis.

Die Menschen um mich herum konzentrieren sich auf ihr Essen. Es ist Mittagszeit und das Geschäft voll. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Eine Sushi-Bar ist eben kein Ort, um gemütlich und in Ruhe zu speisen. Um eine Erfahrung reicher, verlasse ich bald den Laden. Es ist übrigens gar nicht so teuer wie erwartet gewesen.

Lebhafte Stadt

Eigentlich bin ich nach Kanazawa gefahren, weil es eine Stadt ohne große Tempel und klassische Sehenswürdigkeiten ist. Die Stadt ist ungefähr so groß wie Hannover. Deshalb reizt mich der Vergleich. Kanazawa wirkt mit seinen vielen Hochhäusern sehr viel großstädtischer als Hannover. Im Zentrum gibt es einige große Kaufhäuser, die aber immer, wenn ich hindurchgehe, sehr leer sind.

An einer Kreuzung in der Nähe der Jugendherberge werde ich zum ersten Mal auf eine spezielle japanische Form der Straßenkreuzung aufmerksam: als Fußgänger kann man sie sogar diagonal überqueren. Dafür sind extra Zebrastreifen aufgemalt und an jeder Ecke steht eine Ampel.

Die Häuser der Samurai

Natürlich gibt es auch Tempel und einen der berühmtesten Gärten Japans. Und natürlich besichtige ich dies alles auch. Aber am meisten faszinieren mich in Kanazawa die noch erhaltenen Häuser der Samurai-Familien. Ein paar davon dienen jetzt als Museen. Die Wohnkultur der Japaner mit ihren schlichten Räumen ohne viele Möbel beeindruckt mich sehr.

Zu jedem Haus gehört ein kleiner Garten. Die dünnen Wände der Zimmer kann man verschieben, wodurch sich immer neue Eindrücke von dem Garten ergeben. Es gibt keine Flure sondern eine Veranda, die um das Haus herumführt und von der aus die Zimmer betreten werden. Im Eingangsbereich zieht man sich selbstverständlich die Schuhe aus, bevor man auf die Tatami-Matten tritt.

Kanazawa

Kanazawa Samurai-Haus

Im Geisha-Haus

Neben diesem Einblick in vergangene Zeiten der japanischen Samurai haben sich noch andere Überreste der alten Kultur der Noblen und Reichen erhalten: die Geisha-Häuser. In einem Stadtteil am Rande Kanazawas gibt es ganze Straßenzüge, in denen früher das Viertel der Geishas war. Holzhaus reiht sich an Holzhaus. Sie stehen heute unter Denkmalschutz und werden zum Teil von Familien bewohnt. Geishas findet man hier nicht mehr.

Kanazawa Geisha Haus

Im Geishahaus

Eines dieser Häuser ist als Museum hergerichtet. Die Geishas, so wird in der Ausstellung dokumentiert, waren Frauen, die Musikinstrumente und Theaterkunst beherrschten. Sie unterhielten ihre Gäste mit Gesang und Tänzen. Natürlich waren sie auch in der Lage, eine perfekte Teezeremonie durchzuführen.

Ich wandere ziellos durch die Straßen und entdecke viele schöne alte Häuser. Es ist nur sehr kompliziert, sie zu fotografieren, da sich die elektrischen Leitungen über der Erde an Masten befinden. Diese unschönen Kabelwulste verderben häufig den harmonischen Gesamteindruck eines alten Samuraihaus mit seinen weißen Mauern und schwarzen Ziegeldächern.

Hannover!

Einmal sehe ich aus dem Augenwinkel die Aufschrift „Hannover“ an einer Glastür. Ich schaue genauer hin: eine Bäckerei! Durch das Schild angelockt betrete ich den Laden. Er ähnelt sogar einer deutschen Bäckerei. Es gibt Roggenbrot und Rosinenbrötchen! Ich kaufe mir ein Vollkornbrot und mache mir abends ein wahres Festmahl. Frisches Brot mit Käse: einfach köstlich!

Stürmischer Abschied

In Kanazawa habe ich Glück mit dem Wetter, meistens scheint die Sonne. Am Abend meines letzten Tages bewölkt es sich aber zusehends. Die schwarzen Wolkenungetüme geben dem Sonnenuntergang etwas dramatisches.

Mein Zimmer muss ich in dieser Nacht mit zwei japanischen Mädchen teilen. Da ich am nächsten Morgen sehr früh, nämlich um 6:00 Uhr, aufstehen muss, um meinen Zug nach Tokyo zu erreichen, packe ich meinen Rucksack schon am Abend. Dann störe ich niemanden, wenn ich das Haus verlasse – denke ich.

23.06.91 Kanazawa – Tokyo – Nikko

Ich habe allerdings nicht mit der Gruppe junger Leute gerechnet, die hier übernachtet und bereits um 5:00 Uhr laut und fröhlich wach ist. Ich kann es gar nicht gut vertragen, wenn ich so früh entgegen meinen Plänen geweckt werde.

Schlecht gelaunt mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof. Wie gut, dass es die schnellen Shinkanzen-Züge gibt, die mit über 200 km/h durch die Landschaft brausen! Sie sind bequem und sehr sauber. Ich genieße die ruhige Fahrt im klimatisierten Wagen. Jetzt kann ich endlich den restlichen Schlaf nachholen.

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Wie alles begann

Ulrike
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