12.05.1991 Spannende Tage in Shanghai

Zwischen Backpacker-Alltag, organisatorischen Fragen und Sehenswürdigkeiten: Spannende Tage in Shanghai 1991.

Mir hat damals 1991 Shanghai nicht besonders gefallen. Zu modern, zu wuselig, zu trübe. Deshalb habe ich meine Erlebnisse in Shanghai bei meinem ersten Bericht auf dem Bambooblog unterschlagen.

Shanghai - der Bund Bagdad-Juden

Der Bund 2011

Doch vor allem, seit ich 2017 wieder einmal in Shanghai war, ist mir wieder eingefallen, wie aufregend und spannend diese Tage damals waren. Mit touristischen Programmen und auch dem ganzen Aufwand, ein Ticket für die Fähre nach Japan zu bekommen.

Anmerkung 2020: Wenn ich meinen Reisebericht heute lese, frage ich mich, woher ich die Informationen bekommen habe. z.B. von dem Minderheitenfestival. Auch ohne Internet wussten wir damals, was gerade los war. MundzuMund-Propaganda, nachfragen im Hotel. Es geht auch ohne Internet!

Aus meinem Reisetagebuch 1991

Hurra! Ich buche mein Ticket nach Japan!

Meine Zeit in Shanghai nutze ich in erster Linie dazu, mich zu erholen, meine Wäsche zu waschen und den weiteren Weg zu organisieren.

Mein nächstes Ziel ist Japan, denn ich habe bereits in Deutschland einen Gutschein für den Japan Rail Pass gekauft, den ich innerhalb von drei Monaten nach Ausstellung in Japan einlösen muss. Einen halben Tag bin ich vergeblich unterwegs, um das Büro der Fährgesellschaft zu finden.

Als ich endlich im Pujiang-Hotel an der Rezeption nachfrage, sagt man mir, dass die Gesellschaft umgezogen sei und sich jetzt ganz in der Nähe im Shanghai Mansion befindet. Da hätte ich noch lange suchen können!

Im Büro der Fährgesellschaft ist man glücklich, mir eine Überfahrt nach Kobe in Japan verkaufen zu können. Eine Westlerin, die tatsächlich dies Büro gefunden hat, hat man wohl schon lange nicht mehr gesehen. Schnell versammeln sich einige nette, wenig Englisch sprechende, adrett gekleidete Männer um mich und fragen nach meinen Wünschen.

Leider liegt die Fähre gerade im Dock wegen Renovierung. Deshalb kann ich frühestens in 4 Wochen fahren. Das wäre gerade noch rechtzeitig. Ich kaufe ein Ticket für die 2. Klasse Western Style, das sind 8-Bett-Kabinen mit richtigen Betten. Es gibt auch Kabinen „Japanese Style“, doch in denen liegt man auf Matten direkt auf dem Boden. Dazu habe ich keine Lust. Das werde ich in Japan noch früh genug haben!

In der Zeit, bis das Schiff endlich nach Kobe fährt, werde ich mir Suzhou und Hangzhou, zwei Städte in der Nähe von Shanghai, anschauen.

Mein erster Besuch in einem General Post Office

Ein Höhepunkt während meines Aufenthalts in Shanghai ist mein Gang zum General Post Office GPO. Ich bin sehr gespannt, als ich das erste Mal dorthin gehe, weil ich darauf hoffe, meine erste Post von Zuhause zu bekommen. Natürlich ist ein Brief von meinen Eltern und einer von meiner Freundin Ulli da. Aber sonst hat mir noch niemand geschrieben. Ich bin zwar erst 6 Wochen unterwegs, aber ich hätte doch gedacht, dass etwas mehr Post hier in Shanghai auf mich warten würde.

Alte Post in Shanghai

Alte Post in Shanghai 2017

Bis ich nach Suzhou weiterfahre, gehe ich noch ein paar Mal zum GPO. Einmal auch, um ein Päckchen mit den überflüssig werdenden Wintersachen nach Hause zu schicken. Außerdem habe ich immer noch das Problem, dass ich viel zu viel mit mir herumschleppe.

Im GPO ist das Pakete verschicken sehr gut organisiert. Es hängt sogar eine englische Anleitung an der Wand: 1. Man kauft sich einen Karton und die erforderlichen Formulare. 2. Man füllt die Formulare aus, wenn möglich in Französisch. 3. Man geht zur Zollinspektorin, die den Inhalt begutachtet und einen Stempel auf das entsprechende Formular macht. 4. Man lässt sich das Paket fachmännisch verschließen. 5. Man lässt sich sein Formular diverse Male abstempeln. 6. Man bezahlt die Versandgebühren nach Gewicht. 7. Man verlässt das Postamt mit der Hoffnung, dass das Paket wirklich zuhause ankommt. Die ganze Prozedur dauert ca. 1 Stunde.

Nanjing Road – Shoppingstraße

Mit Freuden stürze ich mich in das Gewimmel auf der Nanjing-Road, Shanghais lebhaftester Einkaufsstraße. Da Shanghai sehr von den Bauten der Kolonialzeit geprägt ist, sind die Straßen nicht so breit und großzügig wie in Beijing oder Xi’an sondern eng und voller Menschen. In der Innenstadt ist das Fahrrad fahren wegen der Enge tagsüber verboten. Mir macht das Gedränge nichts aus. Ich liebe es, Schaufenster zu gucken und in die Geschäfte zu gehen.

In einem großen Kaufhaus wird die Menschenmenge dann aber doch etwas sehr dicht. Nichts geht mehr. Dank meiner Größe kann ich glücklicherweise über die Chinesen hinweg sehen und merke schnell, was diese Massen anzieht: eine Modenschau!

Buntes Minderheitenfestival

Am letzten Tag mit Desiree gehen wir zum Zhongshan Park, in dem ein großes Minderheitenfestival stattfindet. Aus allen Teilen Chinas sind Musikgruppen und Tänzer der nationalen Minderheiten gekommen, um in dem Park ihre Folklore zu zeigen.

Shanghai Minderheiten

Minderheitenfestival 1991

Wir sehen uigurische Sänger, Tänze der Dao, Naxi, Tibeter usw. In schwindelerregender Höhe ist ein Seil gespannt, auf dem sich Seiltänzer bewegen. Ich bin hingerissen und hoffe, dass ich auf meinen Reisen irgendwann die verschiedenen Völker in ihrer Heimat kennen lernen werde. Da habe ich noch einiges, auf das ich mich freuen kann!

Kentucky Fried Chicken bietet im Gebäude des Seemannsclub eine Gelegenheit, mal etwas anderes als Chinesisch zu essen. Ich nutze diese Annehmlichkeiten gerne: Hähnchen und Pommes – lecker!

Jazz im Peace Hotel

Am Abend, nachdem Desiree weitergefahren ist, will ich nicht alleine sein und gehe ins Peace-Hotel, in dem schon vor dem 2. Weltkrieg eine bekannte Jazzband gespielt hat. Die Musiker werden heute andere sein, aber die Bar und den regelmäßigen Jazz gibt es immer noch! Ich putze mich ein wenig heraus, damit ich auch wirklich in die Bar gelassen werde, ziehe mir eine frischgewaschene Bluse und eine ordentliche Hose an.

In der Bar setze ich mich an einen der vielen freien Tische und bestelle mir für teures Geld einen „Shanghai Sling“. Wenn schon, denn schon! Die Musik ist gut, leicht gängiger Bigbandsound.

Viele Tische sind mit japanischen Geschäftsleuten besetzt. Ein chinesisches Paar tanzt zu der Musik. Nach und nach trauen sich auch andere auf die Tanzfläche.

Der Kellner wirkt etwas nervös, als ich einen zweiten Cocktail bestelle. Ob er Angst hat, dass ich nicht bezahlen kann?! Er ist beruhigt, als ich endlich meine Kreditkarte zücke.

Touristisches Programm

Akrobatikshow

An einem anderen Abend sehe ich mir mit Leuten aus dem Schlafsaal die Akrobatenschau an. Die Vorstellung ist sehr gut. Die akrobatischen Leistungen der Artisten sind hervorragend. Nur die Tierdressuren stören mich etwas. Ich mag keine dressierten Pandas.

Das Shanghai-Museum

Dann muss ich mir noch unbedingt das berühmte Shanghai-Museum, das leider gerade in weiten Teilen renoviert wird, ansehen. Aber die Porzellanausstellung ist bereits fertig. Kostbare Vasen und Schalen sind in gut beleuchteten Vitrinen aufgebaut. Ich bin sehr beeindruckt.

Auch diverse Tempel und die katholische Kathedrale besuche ich noch. Dabei fällt mir auf, dass diese Tempel durchaus nicht nur als Touristenattraktion dienen, sondern lebendige Stätten der Verehrung sind, mit Priestern, Mönchen und Gläubigen.

Altstadt

Die chinesische Altstadt von Shanghai ist ein in sich geschlossener Bereich, in dessen Zentrum sich der Yu-Garten befindet. Das ist ein Hauptanziehungspunkt für Touristen aus aller Welt, die sich durch die schmalen Wege drängeln. Für manches Foto muss ich mich anstellen, um an den besten „Schusspunkt“ zu gelangen.

Shanghai Eimer

Toiletten-Eimer 1991

Draußen auf den Straßen der Altstadt spielt sich das Leben der Menschen ab. Es gibt keine Toiletten in den Häusern. Während der Nacht benutzt man kunstvoll lackierte braune Holzeimer, die morgens in die öffentlichen Toiletten geleert werden und nach der Reinigung zum Trocknen vor die Tür gestellt werden. Wenn man vormittags durch die engen Gassen bummelt, kann man überall neben den Hauseingängen die glänzenden Toiletten-Eimer sehen.

Auf niedrigen Schemeln sitzen alte Leute vor der Haustür und genießen den Sonnenschein. Über der Straße hängt die frisch gewaschene Wäsche an Leinen. Fast fühle ich mich an Italien erinnert. Am öffentlichen Brunnen wird Gemüse fürs Mittagessen geputzt.

Gruselig: Frösche auf dem Markt

Ganze Straßen sind in einen Markt verwandelt. Das Angebot ist das gleiche wie schon öfters beschrieben. Nur eines sehe ich hier zum ersten Mal: den Verkauf von Fröschen. Wenn jemand sich die Frösche, die er zum Abendessen haben möchte, ausgesucht hat, nimmt sie der Verkäufer und schneidet ihnen bei lebendigem Leibe die Beine ab. Die Beine werden gegessen, der Rest landet im Abfall.

Markt in Shanghai

Markt 1991

Ich weiß zwar, dass die Chinesen nicht gerade zimperlich mit Tieren umgehen, doch es ist etwas anderes, dies „life“ mitzubekommen. Mir verschlägt es den Appetit. Für die nächsten 24 Stunden lebe ich vegetarisch.

Nach diesem Erlebnis bin ich froh, als ich zum ehemaligen Konfuziustempel komme, der jetzt eine Erweiterung des Marktes ist. Hier ist sozusagen die Bekleidungsabteilung. Auch Blumen, Zierfische und Vögel finde ich. Mit diesen Tieren gehen die Chinesen sehr sorgsam um.

Typisch Chinesisch: Oper im Teehaus

Von weitem höre ich chinesische Musik. Langsam und neugierig gehe ich dem Klang nach. Nachdem ich durch eine unscheinbare Pforte hinter der ehemaligen Tempelhalle getreten bin, befinde ich mich in einem Teehaus.

Auf der Bühne steht ein alter Mann und singt mit hoher Stimme Opernarien, ein kleines Orchester begleitet ihn auf traditionellen chinesischen Instrumenten. Das Publikum besteht überwiegend aus alten Männern. Ich hole mir eine Tasse Tee und setze mich auf einen freien Stuhl am Rand.

Die Leute sind mit Interesse und Kennermiene bei der Sache. Manche singen leise mit. An besonders gut gelungenen Stellen braust Beifall auf. Ein zahnloser Greis besteigt die Bühne und singt offensichtliche Frauenarien. In der chinesischen Oper wurden früher auch die Frauenrollen von Männern gesungen.

Oper im Teehaus

Oper im Teehaus 1991

Manch einer der alten Männer hat seinen Enkel auf dem Schoß. Die Kinder sind ganz ruhig. Genau wie ich lauschen sie andächtig. Als Schluss ist, fragt mich ein Chinese auf Englisch, wie es mir gefallen habe. Ich bin ganz begeistert. Dies sind die Momente, die China so faszinierend und liebenswert für mich machen.

Letzter Tag: Wiedersehen mit Olaf

An meinem letzten Tag in Shanghai kommt morgens Olaf in den Frühstücksraum. Das ist ein großes Hallo! Er hat sich von Jo getrennt, da er nach Osten wollte und Jo nach Westen. Olaf möchte am liebsten gleich mit nach Suzhou kommen, aber da ich schon am nächsten Tag fahren will, ist ihm das zu kurzfristig. Am Abend feiern wir mit ein paar Bier unser Wiedersehen, und dass wir schon 6 Wochen unterwegs sind. Davon habe ich am nächsten Morgen einen Kater. Außerdem regnet es wieder. Also verschiebe ich meine Abfahrt nach Suzhou um einen Tag. Ich gebe mich ganz dem Ausruhen hin, gehe nur kurz mit Olaf in die Stadt und zum Essen.

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Ulrike
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