Im Theravāda-Buddhismus gilt Nibbāna (Sanskrit*: Nirvāṇa) als das höchste Ziel der spirituellen Praxis. Es bezeichnet das Ende allen Leidens (dukkha) sowie die endgültige Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt (saṃsāra)1.
Ich sage zwar, dass ich Buddhist sei und der Theravada-Tradition anhänge, aber ich fühle mich kaum in der Lage, dieses edle Ziel zu erreichen. Jeden Tag gebe ich mir aufs Neue Mühe, aber ich fühle mich noch nicht so weit. Doch lasst uns mal sehen, was das Nirvana eigentlich bedeutet.
*Sanskrit (Eigenbezeichnung संस्कृत saṃskṛta, wörtlich „zusammengesetzt, geschmückt, gebildet“) bezeichnet die verschiedenen Varietäten des Altindischen. Die älteste Form ist die Sprache der Veden, einer Sammlung religiöser mündlicher Überlieferungen im Hinduismus. Ihre Entstehung und Konsolidierung wird grob auf 1200 v. Chr. datiert, jedenfalls ins zweite vorchristliche Jahrtausend. Wikipedia

Was ist „Nirvana“
Der Begriff stammt aus dem Sanskrit nirvāṇa (Pāli nibbāna) und bedeutet wörtlich etwa „ausblasen“ oder „erlöschen“, wie wenn eine Flamme ausgeht.
Daraus abgeleitet ist die Vorstellung, dass bestimmte innere Feuer – speziell Gier, Hass und Unwissenheit – gelöscht werden.
Die Funktion und Bedeutung von Nirvana im Buddhismus
Nirvana ist nicht ein Ort, sondern ein Zustand oder eine Erfahrung: die Beendigung von Leiden (dukkha), das Aufhören von Verlangen, Hass und Täuschung, und damit das Ende des Kreislaufs von Geburt, Tod und Wiedergeburt (Samsāra).
Es ist Teil der Vier Edlen Wahrheiten: speziell die dritte Wahrheit, die Wahrheit vom Verschwinden (nirodha) des Leidens.
Verschiedene Formen von Nirvana
Im Buddhismus wird zwischen verschiedenen Ausprägungen unterschieden:
| Begriff | Beschreibung |
|---|---|
| Nirvana „mit Rest“ (sopadhiśeṣa-nirvāṇa in Sanskrit; sa-upādisesa-nibbāna in Pāli) | Ein Zustand der Befreiung, der noch während des Lebens erreicht werden kann, bei dem aber der Körper und bestimmte konditionierte Dinge („Reste“) noch vorhanden sind. |
| Nirvana „ohne Rest“ (nir-upadhiśeṣa-nirvāṇa; an-upādisesa-nibbāna) | Wird beim Tod erreicht – mit dem Ende der physischen Existenz und aller verbleibenden konditionierten Faktoren. Kein weiteres „Entstehen“. |
Merkmale und Eigenschaften
Nirvana hat in klassischen buddhistischen Texten und bei Gelehrten typischerweise folgende Merkmale:
- Ungeboren / unkonditioniert (asankhata, asankhata-dhamma): Nirvana hängt nicht von Bedingungen ab und ist nicht Teil des Kausalzusammenhangs der bedingten Entstehung (paṭicca-samuppāda).
- Frei von Leiden (dukkha), von Gier, Hass und Verblendung (trivisa oder drei Feuer / drei Gifte).
- Nicht-Selbst (anattā) und Leerheit (śūnyatā): Es gibt kein dauerhaftes, unveränderliches Ich, das „erlöst“ werden muss. Das Selbst, wie es gewöhnlich gedacht wird, verschwindet – illusorische Identifikationen werden überwunden.
- Nicht-Nihilismus: Obwohl es ein Zustand des Verlöschens ist, bedeutet es nicht schlicht „Nichtsein“, wie bei einer absoluten Auslöschung eines Selbst, sondern vielmehr ein Aufhören aller gier-, hass- und verblendungsbedingten Mentalitäten.
Unterschied zwischen Theravāda und Mahāyāna Sichtweisen
Während die grundlegenden Ideen in den buddhistischen Schulen geteilt werden, gibt es doch Nuancen:
Im Theravāda wird großer Wert gelegt auf das Erreichen von Nirvana durch die Praxis der Moral (sīla), Meditation (samādhi) und Weisheit (paññā), oft mit dem Bild des Arahat, der den Pfad vollständig geht.
Im Mahāyāna wird manchmal betont, dass persönliches Nirvana nicht das letzte Ziel sei; viele Schulen sprechen von Bodhisattvas, die aufschieben, in Parinirvana zu gehen, um anderen zu helfen. Außerdem kommen erweiterte Lehren dazu (z. B. über Buddhanatur, Leerheit etc.).
Herausforderungen, Paradoxien und häufige Missverständnisse
- Sprache und Negative Begrifflichkeit: Viele Beschreibungen von Nirvana sind apophatisch (d.h. sie sagen, was es nicht ist) statt affirmativ, weil es über gewöhnliche Begriffe hinausgeht.
- Missverständnisse als Vernichtung / Nihilismus: Manche denken fälschlich, Nirvana sei gleichbedeutend mit dem Ende des Bewusstseins oder der Existenz des Individuums; im klassischen Buddhismus wird das abgelehnt.
- Relation zu Selbst / Ich: Da Buddhismus das Prinzip des „Nicht-Selbst“ betont, darf man nicht annehmen, es gehe darum, ein „Selbst“ zu retten oder zu bewahren.
Nirvana bzw. Nibbana im Theravāda
Der Ausdruck Nibbāna leitet sich etymologisch von „Ausblasen“ oder „Erlöschen“ ab, wie das Verlöschen einer Flamme. Damit wird das Ende der „drei Wurzeln“ (Gier, Hass, Verblendung) bezeichnet2. Nirvana ist kein Ort, sondern ein unkonditionierter Zustand (asaṅkhata), der jenseits aller bedingten Phänomene steht3. Asaṅkhata das heißt, es entsteht nicht aus Ursachen, sondern ist jenseits der bedingten Entstehung (paṭicca-samuppāda).
Nibbāna ist das höchste Ziel der Praxis: das Ende von dukkha (Leiden/Unzufriedenheit) und die Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt (saṃsāra).
Nibbāna wird in den Texten als „ungeboren, unerschaffen, ungestaltet“ (Pāli: ajātaṃ abhūtaṃ akataṃ asaṅkhataṃ) beschrieben. (Udāna 8.3)
Im Theravāda wird Nirvana oft in negativen Begriffen erklärt, d. h. als Abwesenheit bestimmter Dinge:
- Erlöschen der drei Wurzeln (lobha, Gier; dosa, Hass; moha, Verblendung).
- Freiheit von Anhaftung und Wiedergeburt.
- Nicht-Nihilismus: Es ist nicht gleichbedeutend mit Vernichtung, sondern mit Befreiung.
Arten von Nirvāna
Die Theravāda-Tradition unterscheidet zwei „Arten“ von Nirvana:
- Sa-upādisesa-nibbāna („Nibbāna mit Rest“):
- Erlebt von einem Arahant, der die Befreiung schon im Leben erlangt hat.
- „Rest“ bedeutet hier die fortbestehenden physischen und geistigen Prozesse (Körper, Sinneswahrnehmungen), die aber nicht mehr von Gier, Hass oder Verblendung getrieben sind.
- An-upādisesa-nibbāna („Nibbāna ohne Rest“):
- Tritt beim physischen Tod eines Arahants ein.
- Alle „Reste“ (d. h. die fünf Daseinsgruppen, khandha) hören vollständig auf, und es gibt keine weitere Wiedergeburt.
Praktischer Weg dorthin
- Der Weg zum Nibbāna ist im Theravāda klar definiert:
- Sīla – ethische Disziplin (z. B. das Einhalten von Gelübden).
- Samādhi – Konzentration/Meditation (bis hin zu tiefen jhāna-Zuständen).
- Paññā – Weisheit, die insbesondere durch Einsicht in die drei Daseinsmerkmale (anicca, dukkha, anattā) entsteht.
- Der Edle Achtfache Pfad ist dabei die zentrale Praxisanleitung.
Rechte Ansicht, Rechte Gesinnung/Entschlossenheit, Rechte Rede, Rechtes Handeln, Rechtes Leben, Rechtes Streben, Rechte Achtsamkeit und Rechte Meditation.
Wesentlich ist die Einsicht in die drei Daseinsmerkmale: Vergänglichkeit (anicca), Leidhaftigkeit (dukkha) und Nicht-Selbst (anattā).
Spätere Theravāda-Kommentare
- Buddhaghosa (5. Jh., Visuddhimagga) beschreibt Nibbāna detailliert als „Objekt der Erkenntnis“ (dhātu) und betont die Erfahrung der Loslösung vom Bedingten.
- In der Theravāda-Scholastik wird Nibbāna nicht als „Ort“, sondern als „ungeborenes, zeitloses Element“ (asaṅkhata-dhātu) verstanden.

Quellen
- Pāli-Kanon: Dhammapada, Udāna, Itivuttaka.
- Buddhaghosa: Visuddhimagga (dt. Übers. „Der Weg zur Reinheit“).
- Rupert Gethin: The Foundations of Buddhism (1998).
- Richard Gombrich: Theravāda Buddhism: A Social History (1988).
- Britannica: „Nirvana“.
- Encyclopedia of Buddhism: „Nirvana“.
- Encyclopædia Britannica – Artikel „Nirvana, Definition, Meaning & Significance“. (Encyclopedia Britannica)
- Encyclopedia of Buddhism – Artikel „Nirvana“ liefert eine solide, wissenschaftliche Darstellung. (Encyclopedia of Buddhism)
- Lion’s Roar – Artikel „Nirvana (Nibbana)“, der praxisnahe Aspekte berücksichtigt. (Lion’s Roar)
- Pāli-Kanon und frühe buddhistische Schriften – viele der klassischen Aussagen über Nirvana finden sich dort. (z. B. über die Feuer, über den Pfad zur Befreiung usw.)
- Neuere akademische Artikel, z. B. Nirvana in Early Buddhist Inscriptions von Alice Collett, der untersucht, wie das Nirvana in frühen Inschriften dargestellt wird. (journal.equinoxpub.com)
Anmerkungen
- Gethin, Rupert: The Foundations of Buddhism. Oxford: Oxford University Press, 1998, S. 74–78. ↩
- Harvey, Peter: An Introduction to Buddhism: Teachings, History and Practices. Cambridge: Cambridge University Press, 2013, S. 83. ↩
- Britannica: „Nirvana“, in: Encyclopædia Britannica, Online-Ausgabe 2025. URL: britannica.com/topic/nirvana-religion. ↩
- Itivuttaka 43, PTS-Edition. ↩
- Collins, Steven: Nirvana and Other Buddhist Felicities. Cambridge: Cambridge University Press, 1998, S. 83–90. ↩
- Bodhi, Bhikkhu: The Noble Eightfold Path. Kandy: Buddhist Publication Society, 1994. ↩
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