Das Tier, das Mücken frisst

Yangshuo in Südchina 1993. Sommerferien. Gisela und ich waren in den Süden gefahren, um im subtropischen Guangxi Ferien zumachen, uns vom Lernstress des Beijing Language Institutes in der exotischen Landschaft des Li-Flusses zu erholen.

Yangshuo

Yangshuo 1993

30 Stunden anstrengende Bahnfahrt lagen hinter uns. Müde und zerzaust kamen wir endlich in dem damals noch recht idyllischen Yangshuo an. In einem der kleinen Hotels gönnten wir uns ein Zimmer mit eigener Dusche.

“Herrlich! Jetzt eine Dusche!” seufzte Gisela entzückt. Ich nickte erschöpft. Schnell packten wir unsere Sachen aus. Gisela griff sich Seife und Handtuch und verschwand im Bad.

Ein Schrei! Wenige Sekunden später stand sie wieder vor mir. “Komm, guck mal!” flüsterte sie. Ihre Stimme vibrierte vor Entsetzen, schien zu zerbrechen. Ihre Hand wies zur Badezimmerdecke. Dorthin, wo der einfache Duschkopf aus dem weißen Putz kam.

“Ich seh nichts!” sagte ich und guckte voller Sorge meiner Freundin in die schreckensgroßen Augen. “Doch, doch! Da!” Nun sah ich sie auch: Ein dunkler Punkt, acht dünne Beine. Eine handtellergroße Spinne! Spontan wich sämtliche Spucke in meinem Mund zurück. Mit rauer Stimme krächzte ich “Caogao!” (Scheiße!)

Das große Tier schien uns erwartungsvoll anzuschauen und hob schon mal ein Bein in unsere Richtung. Sie schien fest entschlossen, ihren guten Platz zwischen mückenumschwärmter Lampe und Duschkopf zu verteidigen. Was nun? An Duschen war so jedenfalls nicht zu denken.

Wir zogen uns zu einer kurzen Besprechung aufs Bett zurück. Eins war klar: Keine von uns würde sich dem Vieh nähern oder sie gar eigenhändig töten!

Entschlossen gingen wir zur Rezeption. Leicht hysterisch erklärten wir dem jungen Mann, dass er die Spinne entfernen müsse. Auf Englisch! Große Augen, gerunzelte Stirn. “Oh Mann! Der Junge versteht uns nicht!”

Wir guckten uns an. Wer weiß, was “Spinne” auf Chinesisch heißt? (1993: kein Handy, keine Übersetzungs-App griffbereit.) Wir versuchten, das Ungeheuer auf Chinesisch zu beschreiben: “Ein Tier mit acht Beinen”. Das Unverständnis im Blick des Jungen blieb. “Ein Tier mit acht Beinen, das Mücken frisst!”

Der Junge verstand nun und lachte erleichtert: “Das ist doch gut, wenn es Mücken frisst!” “Äh – Nein!” Müde und ungewaschen kannten wir kein Erbarmen. “Das Tier muss weg!”

Schließlich kam er mit, um das Monster zu besichtigen und zu fangen. Was soll ich sagen? Die Spinne war weg! Wir suchten noch kurz. Sie blieb verschwunden. Der Rezeptionist konnte zurück und wir konnten endlich duschen. Bevor wir zu Bett gingen, sorgten wir dafür, dass die Tür zum Bad fest verschlossen war.

Am nächsten Morgen suchten wir als Erstes alle Ecken ab. Und entdeckten, dass die Spinne nicht alleine in unserem Bad lebte. Hinter ein paar lockeren Kacheln lugte eine riesige Kakerlake hervor.

Was sollten wir tun? Irgendwie lag es uns nicht, die Viecher zu ermorden. Die konnten nichts dafür, dass ihre guten Plätze von zwei verwöhnten Touristinnen beansprucht wurden. Es bestand ja auch die Möglichkeit, dass es Verwandte gab. Die würden kommen und uns weiter belästigen!

Wir beschlossen, Spinne und Kakerlake zu dulden, so lange sie fein im Hintergrund blieben und sich nicht vermehrten.

Ganz nach dem Motto “Gefahr benannt – Gefahr gebannt!” tauften wir die Spinne auf den Namen Agathe. Die Kakerlake hieß ab sofort Amanda. Sie ließen sich zum Glück in den nächsten Tagen nur selten blicken.

Zufrieden mit unserer Lösung des Problems gingen wir frühstücken.

Und Ihr so? Wie geht Ihr mit den tierischen Monstern unterwegs um?

Bitte entschuldigt, dass es keine Fotos gibt. In solchen Situationen denke ich nie ans Fotografieren.

Yangshuo

Das Vokabular

Spinne

Bitte beachtet das Radikal 虫 chóng bei den Zeichen für Mücke und Spinne! Immer, wenn das in einem Schriftzeichen vorkommt, handelt es sich um ein Insekt oder einen Wurm.

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Ulrike

3 Kommentare

  • Nemorino

    Eine nette Geschichte… Es stimmt, heute würden wir sofort googeln bzw. übersetzen lassen.

  • Moin! Heute denke ich auch mit einem Schmunzel an den Vorfall. Hab noch so einige Erfahrungen mit Spinnen gemacht. Meine Angst vor Spinnen hat mit zunehmendem Alter sehr abgenommen. Aber anfassen geht gar nicht!

  • Sorry, dass ich gelacht (geschmunzelt) habe, aber ich kenne eine Vorsitzende eines Tierschutzvereins, die kein wildes Tier schrecken kann, die aber vor Spinnen in Angsstarre verfällt und eine unsrer Töchter gehört auch dazu, da war es imer schwierig, dass Spinnen als biologische Insektenabwehr-Gardisten von mir wohl gelitten waren und sind. Den Trick mit der Namensgebung werde ich mir merken und als Antidot vorschlagen.

Ich freue mich über Deinen Kommentar!