Fantastische Orte, an die ich nicht zurück möchte

Overtourism, Terrorismus, Umweltzerstörung: all dies setzt den meisten Orten auf Dauer zu. Ich hab einiges von der Welt gesehen, als diese Begriffe noch kaum bekannt waren. Vor allem Overtourism scheint es damals nicht gegeben zu haben. Auch wenn sich manch einer über volle Städte und Strände beklagte. Schon damals – in den 1970er und 1980er Jahren. Hihi, damals hieß das noch Massentourismus.

Mit Trauer schreibe ich diese Zeilen. Ich bin dankbar, dass ich diese Orte noch ganz ursprünglich und ohne Touristenmassen erleben durfte.

Overtourism

Jiuzhaigou – Tigersprungschlucht – Xishuangbanna

Alles wunderschöne Landschaften, kleine Orte, alte Karawanenwege, die ich bereits 1987 und 1991 besuchte. Teilweise bin ich dort gewandert. Es gab nur wenige Touristen. Ja, wenn man mich nach dem “authentischen” China fragt, dann würde ich das auf dort und damals beziehen. Auch wenn ich weiß, dass heute das authentische China in den großen Städten stattfindet.

Heute sind diese Naturparks Attraktion für viele Touristen, vor allem chinesische Touristen. Ich habe mal ein Video gesehen, wie es in Jiuzhaigou rund um den 1. Oktober, den Nationalfeiertag, aussieht. Wenn sich Tausende von Touris an den einst so idyllischen Seen vorbeischieben. In der Tigersprungschlucht gibt es jetzt eine Straße. Vorbei sind Ruhe und Idylle, fürchte ich.

Lijiang Tigersprung-Schlucht

Lijiang Tigersprungschlucht 1991

Und Xishuangbanna? Da mag es immer noch sehr schön sein. Aber auch dort hat der Tourismus und der Wohlstand zugeschlagen, auch dort reihen sich viele langweilige Hochhäuser aneinander, wo einst Holzhäuser standen.

Venedig

Venedig ist das klassische Beispiel für Overtourism. Schrecklich für mich ist die Vorstellung, dass an vielen Tagen Tausende von Kreuzfahrttouristen gleichzeitig über die Stadt herfallen.

Schon Ende der 70er Jahre waren es viele Touristen. Unterkünfte und Restaurants extrem teuer. Deshalb habe ich mir damals, als ich mit Interrail unterwegs war, tatsächlich Venedig als Tagesausflug von Nizza aus angetan.

Kairo und die Pyramiden

Ägypten ist einfach toll! Wirklich! Ich hatte das Glück, 1990 drei Wochen lang mit meiner Mutter Ägypten zu bereisen: Pyramiden, Nilkreuzfahrt, Tal der Könige und Assuan. Alles fast ohne Touristenmassen! Denn es war die Zeit der Golfkrise. Die Welt hielt die Luft an und man fürchtete einen Krieg in der Region. Wir hatten zu dem Zeitpunkt eine entspannte Einstellung dazu. Die Ägypter waren froh über jeden Besucher und empfingen uns mit großer Gastfreundschaft.

Petra in Jordanien

In Petra, der roten Felsenstadt der Nabatäer, war ich sogar zweimal! 1982 und 2002. Der Ort stand zwar schon auf dem Programm der Reiseveranstalter, aber es war noch nicht voll.

Ich konnte beim zweiten Besuch praktisch völlig alleine über die Berge und durch die Schluchten wandern. Ein beeindruckendes Erlebnis! Heute ist auch in Jordanien Overtourism kein Fremdwort mehr.Petra ohne Overtourism

Angkor Wat

Gerade bei der Erinnerung an Angkor Wat wird mir bewusst, welch ein Glück ich gehabt habe, schon 2002 nach Kambodscha reisen zu können. Damals fing der Tourismus gerade erst an.

Die Kriege, die Roten Khmer waren Vergangenheit. Noch bis Anfang der 1990er Jahre waren die alten Tempel von Angkor und der Dschungel drumrum so mit Minen übersät, dass es einfach zu gefährlich war, sie zu besichtigen.

Ich war mit Reisebüroleuten auf Einladung eines Reiseveranstalters dort. Wir waren fast alleine in den Tempeln. Und heute? Auch hier Overtourism: Tausende drängeln sich an den besten Aussichtspunkten für Sonnenaufgang oder -untergang! Nein, das ist nicht meins!

Terrorismus und Krieg

Palmyra und Aleppo

heute von Krieg und Zerstörung gezeichnet

In Syrien war ich 1982 mit einer organisierten Reisegruppe. Ich genoss es, von Ort zu Ort zu fahren, mich um nichts kümmern müssen. Der Sonnenaufgang über den Ruinen von Palmyra war unbeschreiblich schön. Kinder spielten zwischen den Säulen, freundliche alte Männer winkten mir zu.

Palmyra Ruinen 1982

Palmyra, Syrien, 1982, vor Krieg und Zerstörung.

Im überdachten Basar von Aleppo hatte ich eines meiner eindrucksvollsten Erlebnisse ever:  Als ich alleine durch die mittelalterlich wirkenden Gänge streifte, tief eintauchte in Duft und Farben des Orients, kam mir plötzlich eine Reisegesellschaft wie aus Tausendundeiner Nacht entgegen. Alle sprangen zur Seite, als der Scheich mit wallenden Gewändern und stattlichem Gefolge zügig vorbei schritt.

Hinter ihm ganz unverschleiert in einem bunten weiten Kleid und goldbesticktem Kopftuch eine junge anmutige Frau. Noch immer habe ich dies Bild vor Augen, wenn ich an Aleppo denke. Bunter Orient, leuchtende Farben, Düft von Parfum und Gewürzen – das verbinde ich mit Syrien.

Ein Syrien, das es heute nicht mehr gibt. Zerstört von blindem Terrorismus und Krieg. Was mag aus den freundlichen Menschen geworden sein, die mir damals so offen und herzlich begegneten? Was aus den Kindern in Palmyra? Aber würden diese wundervollen Orte heute nicht auch mit Overtourism kämpfen?

Umweltzerstörung

Das Tal der Dong

1993 habe ich das Tal der Dong und viele andere abgelegene Dörfer in Südchina besucht. Ich war häufig die einzige Westlerin dort, habe endlose Bootsfahrten und beschwerliche Busfahrten in Kauf genommen. Es gab unendliche Armut dort. Auf den Märkten boten Bauern trostlose Häufchen von Tomaten oder Kartoffeln an. Ich habe einfache Mahlzeiten in sehr schlichten Restaurants gegessen.

Fulu Hauptstraße

Südchina 1993

Ja, mich hat die Armut in den Bergen bedrückt. Ja, ich bin froh, dass es den Menschen dort jetzt besser geht!

Doch mit dem wachsenden Wohlstand sind Autobahnen und Hochgeschwindigkeitszüge gekommen. In den Kleinstädten von damals stehen jetzt Hochhäuser. Die schönsten Dörfer sind zu Touristenhotspots mit vielen bunten Lampen geworden. Overtourism ist auch dort kein unbekanntes Problem mehr.

An Stelle mit der mühseligen Arbeit auf den schmalen Feldern macht man sein Geld jetzt mit Cashcrops und Tourismus. Die Umweltzerstörung ist überall gegenwärtig. Der Problematik ist man sich in China sehr bewusst. Man kämpft dagegen an. Doch die Unschuld ist verloren gegangen.

Fenghuang

Bild von mate guo auf Pixabay

Gegenbeispiel Chengdu

Tja, Chengdu ist ein spezieller Fall für mich. Als ich 1987 zum ersten Mal in der Hauptstadt von Sichuan war, war ich begeistert von der Stadt. Es gab nur wenige Hochhäuser und eine recht ausgedehnte Altstadt. Ich hatte mich in die Stadt sofort verliebt, auch wenn ich dort nicht nur Positives erlebte. Ich fasste den Entschluss, nie wieder nach Chengdu zu reisen, weil ich mir meine schönen Erinnerungen nicht nehmen lassen wollte.

Als ich 1993 nicht drumherum kam, Chengdu als Zwischenstation von Südchina nach Peking zu nutzen, schien es, als seien alle meine Albträume wahr geworden! Ich kam im Norden an und musste mit dem Bus ungefähr eine Stunde bis zu meinem Hotel im Süden des Zentrums fahren. Eine Stunde Fahrt entlang an Bauzäunen und tiefen Baugruben, die Straßen gesäumt von Kränen und Baufahrzeugen

Jinli Straße in Chengdu - Menschenmassen

Straße im alten Stil in Chengdu. Restauriert als Touristenattraktion

Ich hatte den Eindruck, dass man dabei war, die gesamte Innenstadt von Chengdu plattzumachen. Auf mich wirkte es fast wie der Wiederaufbau nach einem Krieg. Als ich in meinem Hotel ankam, war ich in Tränen aufgelöst. “Nie wieder!” schwor ich mir damals. Nie wieder wollte ich Chengdu besuchen! Zu groß schienen mir die Veränderungen.

2011 war ich dann mit einer Reisegruppe gerade mal einen Tag in Chengdu. Stadtautobahnen überall, Hochhäuser. Aber es war ja nur ein Tag!

Dann kam 2013 und ich wurde von Air China eingeladen, den ersten Direktflug von Düsseldorf nach Chengdu auszuprobieren. Das Angebot konnte ich nicht ablehnen!

Mittlerweile hatte ich China einige Male besucht und die gewaltigen Veränderungen gesehen, den wachsenden Wohlstand erlebt. Ich hatte mich nicht nur damit abgefunden, dass sich China weiterentwickelt und eine große Freude an immer höheren Wolkenkratzern und schnelleren Autobahnen hat, sondern konnte meine Anerkennung für diese Leistungen und den bescheidenen Wohlstand für die Mehrheit nicht mehr leugnen.

Teehaus in Chengdu

In einem Teehaus in Chengdu

China zeigt sich nun in großer bunter Vielfalt. Seine Schätze, auch die der Vergangenheit, werden voller Stolz und Begeisterung präsentiert.

Chengdu hat heute eine schöne moderne Innenstadt mit einer gut funktionierenden U-Bahn, angenehm grünen Parks und freundlichen Menschen in vielen entspannten Teehäusern. Ich bin versöhnt.

Wie könnte ich auch einer Stadt widerstehen, die so grandiose Ausgrabungen wie die von Sanxingdui und Jinsha bietet?!! Es gibt wundervolle Tempel und Parkanlagen. Dazu die vielen Ausflugsziele in der Nähe wie Leshan und Emeishan. Und die Panda-Bären!

Ganz ehrlich: Ich überlege schon, wann ich das nächste Mal nach Chengdu reise!>Großer Panda

Die chinesische Lösung?

Irgendwo habe ich Peking als Beispiel für Overtourism genannt gelesen. Das ist mMn nicht ganz zutreffend. Es gibt Zeiten, wo man dort auf extrem viele Touristen trifft. Vor allem zu den chinesischen Ferienzeiten.

Peking Tiananmen

Feiertagsdekoration auf dem Platz des Himmlischen Friedens

Aber bei den beliebten Sehenswürdigkeiten in China hat man Vorsorge getroffen, dass es nicht zuviel wird. Die Besucherzahlen sind begrenzt und man muss sich schon online die Tickets und damit die Besuchszeit reservieren. Bei der Verbotenen Stadt sind das 80.000 pro Tag, wovon die Hälfte vormittags und der Rest nachmittags rein darf.

Das betrifft vor allem wichtige Museen wie u.a. das Nationalmuseum in Peking, das Shanghai-Museum und auch die Terrakotta-Armee in Xi’an.

Ganze Orte und Landschaftspark haben die Besucherzahlen begrenzt. Zum Beispiel sind manche Bereiche im Nationalpark Jiuzhaigou nur noch für eine begrenzte Besucherzahl pro Tag zugänglich. Das sind immer noch recht viele, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich bin sehr dafür, dass man solche Maßnahmen auch in Städten wie Venedig ergreift. Dazu sollte man heftige Eintrittsgelder erheben und das Geld für den Schutz der Stadt einsetzen!

Das widerspricht zwar meinem Gerechtigkeitssinn, weil ich der Meinung bin, dass es nicht nur die Wohlhabenden sein sollten, die die Schönheit unserer Welt sehen können. Aber was anderes fällt mir nicht ein.

Overtourism/Massentourismus kann der Mensch also mit ein wenig gutem Willen eingrenzen. Aber die Zerstörung durch Kriege und Terror hinterlässt Wunden, die nur schwer oder gar nicht heilen. Unschätzbar wertvolle Kulturgüter gehen für immer verloren.

Auch in puncto Umweltschutz könnte man noch viel mehr tun. China ist da eigentlich schon auf einem guten Weg. Zum Beispiel ist die Waldfläche dort in den letzten Jahren von 10% in den 70ern auf rund 20% angewachsen.

Es ist immer auch eine Frage des Geldes. Umweltschutz muss man sich leisten können. Wenn die Menschen arm sind und kaum genug zum Essen haben, dann gehen sie eben in den Wald und holen sich dort, was man kriegen kann. Wenn es dem Wohlstand der eigenen Bevölkerung dient, dann werden aus entlegenden Tälern (z.B. Mustang in Nepal) Touristenziele.

Natürlich gibt man damit auch dem Druck der (westlichen) Touristen nach, die nach immer neuen “unberührten” Attraktionen gieren.

Fortschritt und Wohlstand sind menschliche Bedürfnisse. Wir können nicht alles festhalten. Aber es sollte mit Überlegung und Rücksicht auf die Umwelt geschehen.

Ich persönlich fühle mich nicht wohl, wenn ich mich zu sehr abseits der Touristenpfade bewege. Ich bin mir bewusst, dass auch meine Fußstapfen dazu beitragen, dass aus dem schmalen Trampelpfad eine breite Straße entstehen kann.

Deshalb sollte jeder ganz genau überlegen, ob er diesen Pfad abseits vom Tourismus betreten will oder ob er nicht lieber mal verzichten möchte.

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Ulrike

10 Kommentare

  • Liebe Ulrike,
    so weit in der Ferne wie du bin ich noch nicht herumgekommen, aber ich teile deine Einschätzung zum Overtourism völlig. Das erlebt man in Deutschland und Europa ja leider vielerorts auch. Eine ganz traurige Tendenz. Zum Glück gibt es abseits der ausgetretenen Pfade ja noch jede Menge Schönes und Einzigartes zu entdecken.
    Liebe Grüße
    Anke

  • Klaus

    Ich kann das alles gut nachvollziehen. Letztes Jahr haben wir, vielleicht grade noch rechtzeitig in Nepal das Tsum Valley erwandert. Das “Glückliche Tal” wie es genannt wird ist eines der Beyuls, buddhistische Rückzugsorte, Kraftplatz und ein landschaftliches Kleinod. Fünfzehn Tage, 200 Kilometer, 8000 Höhenmeter waren wir mit dem Rucksack unterwegs nach Mu Gompa, ein entlegenes Kloster im Himalaya, naheder Grenze zu Tibet.

    • Ich bin 1992 am Annapurna gewandert. Nach allem, was ich heute sehe, hat es sich auch dort sehr verändert. Wir können diese Veränderungen nicht aufhalten. Es ist auch vielleicht gar nicht sinnvoll. Aber ein gewisses Bedauern empfinde ich auch.

  • Es gibt am Königssee einen wunderschönen Wasserfall, den Königsbachfall. Er liegt abgeschieden in einer kleinen Bucht, nur ein Trampelpfad führt dorthin. Viele, viele Jahre galt er unter den Einheimischen als Geheimtipp, als Refugium, eine Art Abenteuerspielplatz. Vor nicht allzu langer Zeit postete eine “Influencerin” Bilder vom Königsbachfall, und wie schön es dort sei. Seitdem drängen sich dort die Leute, meist Touris, und aus der fast unberührten Natur ringsum ist eine Müllhalde geworden… Ich wäre fast in Tränen ausgebrochen, als ich neulich davon erfahren habe.

  • Ich stimme dir zu. Ich bin auch dankbar, dass ich in den 1990er Jahren in Neuseeland war und noch leere Strände und Wanderwege vorfinden konnte. Obwohl man sogar damals schon von Overtourismus sprach. Nicht ahnend, wie es heute sein würde.
    Zum Glück gibt es aber immer noch leere, geheime und versteckte Ecken auf der Welt. Über die sollte man vielleicht auch einfach schweigen….

    LG Liane

    • Danke! Ich habe da auch ein paar Ecken der Welt, von denen ich nichts erzähle. Und wenn ich weiß, wie ein Land und seine Menschen ticken, wie bei China, dann weiß ich, wo ich die typische Atmosphäre ganz alleine genießen kann.
      LG
      Ulrike

  • Schöner Bericht Ulrike und ja, die Welt verändert sich. Ich denke auch, dass ich mein eigenes Reisen veränderen werde. Weniger die großen Sehenswürdigkeiten ‘abhaken’, mehr ‘der Weg ist das Ziel’. Damit hatte ich in der Vergangenheit doch die bleibenderen Erinnerungen.
    Als ich 2018 in die Tigersprungschlucht bin, habe ich den 1,5 Tage langen Halbhöhenwanderweg genommen (dein Bild sieht auch nach dem Weg aus). Dieser wird von den allermeisten chinesischen Touristen nicht genommen. Diese nehmen die Straße zum Touristenzentrum nahe dem Fluß. Diese Wanderung war die schönste, die ich in China gemacht habe, wobei jede Wanderung in den Alpen mehr Ruhe und Natur bietet. Irrsinnig sind die Baustellen, die man in der Schlucht entdeckt. Dort werden einige Schnellzugtunnels quer durchgeschossen. Für mich auch nach 5 Jahren China immernoch befremdlich, aber das ist nunmal China. 🙂

    Beste Grüße
    Christoph

    • Lieber Christoph, als ich in der Tigersprungschlucht war, gab es noch keine Straße am Fluss. Das sind so Entwicklungen, die mir weh tun. Deshalb ziehe ich es vor, die Städte und ihre Tempel und Museen zu besuchen in China. Da kann ich den Fortschritt und auch die Veränderung noch genießen.
      LG
      Ulrike

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