Will ich das sehen?

Zuletzt aktualisiert vor 2 Monaten

China ist ein fortschrittliches Land. Fast schon haben die Chinesen sich vom Bargeld verabschiedet. Das Internet ist auch in den abgelegendsten Dörfern zu empfangen. Die Züge fahren schneller als in den meisten Industrienationen. Und sie bauen die längsten und höchsten Highways und Brücken.

Brücken
Über- und untereinander

Aber: Will ich das sehen?

China scheint mir die Unschuld verloren zu haben. Die Idylle ist nun zu geleckt. Statt der alten Sitten und Trachten gibt es nun Handy und Jeans.

Ja, ich weiß, der Fortschritt lässt nicht aufhalten. Die Chinesen selbst sind stolz auf das Erreichte. Ich gönne ihnen auch den neuen Wohlstand, auf den sie stolz sind. Ja, und sie sollen die Bauten ihrer Vorfahren sehen und in der herrlichen Natur ihres Landes wandern.

Nur: Es sind so viele!

Ich kann nicht mehr alleine sein und mein Wow-Erlebnis mit mir selbst genießen. Die endlosen Staus, die Menschenmassen vor allen Sehenswürdigkeiten schrecken mich. Selbst die Dörfer sind, wenn sie schön sind, renoviert und für Touristen hergerichtet.

Massen auf der Großen Mauer

Mit dem Auto und sogar dem Wohnmobil kommen die Chinesen überall hin.

Das hat durchaus etwas Positives, denn es haben sich chinesische Wandervereine und Tierschutzgruppen gebildet.

Doch: Manchmal ist es wie am Ballermann auf Mallorca.

Ein paar aktuelle Beispiele:

In Xinjiang hat die Regierung sog. „glückliche Stationen“ entlang der Routen der Nomaden gebaut.

„Zu den festen Stationen gehören ein Leseraum, ein medizinischer Behandlungsraum, ein Tierarztzimmer, eine Kantine und ein Schlafraum. Außerdem sind mobile Stationen für Vieh und Vorräte eingerichtet. Die örtliche Regierung hat an den Stationen Brunnen gegraben und Solarzellen liefern Strom. Zudem wurden weitere Signaltürme gebaut.“ People’s 08.04.2024

Natürlich ist das Leben so viel leichter geworden für die Nomaden. Aber ob sie es alle wollten?

Oder:

„Wie Huang Dongsheng, Verantwortlicher eines lokalen Unternehmens für Kulturtourismus des Dorfes Yuancun im Kreis Shangyou in der Provinz Jiangxi bekannt gab, sind seit Februar dieses Jahres insgesamt über 52.000 Besucher dorthin gereist, um das Teepflücken sowie die Teeherstellung mitzuerleben und den frischen Tee zu probieren. Die meisten von ihnen seien junge Menschen.“ People’s 09.04.2024

„China verzeichnet während des Qingming-Fests rund 119 Millionen Inlandsreisen“ People’s 07.04.2024

Beispiel für die Modernisierung: Highways

Für mich stehen die neuen Highways als Beispiel von dem, was mich abschreckt.

Brücke

Fast täglich machen die neuen Autobahnen oder immer höhere oder längere Brücken Schlagzeilen:

„Der „einstündige Kreisverkehr“ bringt neuen Schwung in den Kulturtourismus in Xiongan“ china.org.cn 02.04.2024 Schaut es Euch an! So seht ihr, was ich meine.

Selbst in abgelegen Tälern überspannen aufsehenerregene Brücken in schwindelnder Höhe die Landschaft.

Versteht mich bitte nicht falsch!

Ich mache meine schwindende Reiselust vielleicht zu sehr an China fest. Aber ich habe mein Interesse am Reisen generell verloren.

Naja, nicht ganz.

Ich reise noch. Aber wenn ich reise, dann meistens in der Nebensaison. Im Winter nach Rom oder Paris. Oder in kleine Orte mit spannenden Museen wie kürzlich in Brandenburg.

Ich reise zu Zeiten, wo nicht so viele Menschen unterwegs sind, oder an Orte, die bei den meisten Menschen nicht auf dem Plan stehen.

Aber bei China sind es nicht nur die Menschenmassen. Es sind vor allem die extremen Modernisierungen, die Highways, die auch die entlegenden Täler erobern und die endlosen Hochhäusermeere, die sich immer mehr ausbreiten, die mich faszinieren und zugleich abstoßen.

Chongqing
Chongqing

Wenn ich zurück blicke auf 50 Jahre Reisen, dann bin ich immer schon gerne in der Nebensaison gereist. Dabei habe ich das Glück gehabt, dass ich reisen konnte, als es noch nicht so viele Menschen gab. Aber mir ist es wichtiger denn je.

Wie seht Ihr das?

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Shanghai
Ulrike

2 Gedanken zu „Will ich das sehen?“

  1. Ich habe nicht die Reiselust an sich verloren, aber mich von dem Druck befreit, dies und das gesehen haben und Fernreisen machen zu müssen. Das hat viele Gründe, u. a. finanzielle, aber auch, dass ich nicht gern weg von meinen Katzen bin. Die Prioritäten haben sich geändert. Ich möchte gerne ab und zu ein paar stressfreie Tage in schönen und interessanten Gegenden verbringen. Im Juni fahre ich für fünf Tage ins Münsterland 🙂

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