War Marco Polo jemals in China?

Marco Polo, ein Mann wie aus Tausendundeiner Nacht, mutiger Reisender, Abenteurer oder Märchenerzähler? Ich habe mich auf Spurensuche gemacht!

Marco Polo (* 1254 – † 8. Januar 1324) war ein Kaufmann aus Venedig. Berühmt in aller Welt wurde er durch seine Erzählungen und Geschichten von seiner Reise nach China, wo er 17 Jahre am mongolischen Hof verbrachte. Im Auftrag von Kublai Khan (1215 – 1294, Enkel von Dschingis Khan) bereiste er das ganze Land.

Als er nach Venedig zurück kehrte, erzählte er so viele fantastische Geschichten aus einem damals praktisch unbekannten Land, dass man ihm nicht glaubte. Dieser Reichtum! Ein junger Europäer als Vertreter des Großkhans! Papiergeld! Das konnte es doch gar nicht geben! Die Venezianer nannten ihn schnell “il milione”, den Spinner und Fabulierer.

Marco Polo

Marco Polo Statue am Kublai Square in Zhenglan Banner, Xilin Gol, Innere Mongolei, China.

Marco Polo war nicht der einzige Reisende, der im 13. und 14. Jahrhundert über die Handelswege der Seidenstraße bis nach China kam. Doch er ist der einzige, der so ausführlich von seinen Erlebnissen berichtete. Seine Erzählungen hat er Rustichello da Pisa diktiert. Ohne diese Aufzeichnungen wüssten wir heute kaum etwas über Marco Polo.

“Ich habe nicht einmal die Hälfte von dem erzählt, was ich gesehen habe, weil mir das niemand geglaubt hätte!”, soll Marco Polo selbst gesagt haben.

Die Reisen des Marco Polo

Die Reisen des Marco Polo

Marco Polo: Spinner oder großer Entdecker?

Ich möchte hier zusammentragen, was es an Argumenten für und gegen die These, dass Marco Polo in China gewesen ist, gibt. Viele Historiker haben sich damit befasst. Der eine sagt, dass er die Beweise hat, dass Polo in China war. Andere widersprechen heftig und auch sie haben Beweise.

Ich selbst bin davon überzeugt, dass Marco Polo in China einige Jahre seines Lebens verbracht hat.

Kublai Khan

Kublai Khan

Die Mongolen in Europa

Die Mongolenheere unter Dschinghis Khan erreichten Anfang des 13. Jahrhunderts das östliche Europa. 1241 schlugen sie zunächst ein deutsch-polnisches Heer in der ersten Schlacht bei Liegnitz und später das Aufgebot des ungarischen Königs Béla IV. in der Schlacht bei Muhi.

Der Einfall der Mongolen in Kleinpolen und Schlesien verbreitete in ganz Europa Angst und Schrecken. Mongolische Vorausabteilungen erreichten Teile Brandenburgs, Mähren, Niederösterreich, die kroatische Adria und Thrakien.

Der Vormarsch wurde abgebrochen, als der Großkhan Ögedei im Dezember 1241 starb und Dschötschi und Batu zur Wahl des neuen Großkhans in die Mongolei zurückkehren mussten. Vor allem Ungarn mit Siebenbürgen und Bulgarien erholte sich lange nicht von den Zerstörungen und Bevölkerungsverlusten durch die Überfälle.

Das war lange vor Marco Polos Geburt. Doch sicherlich waren die grausamen Geschichten noch nicht vergessen, als Marco Polo von seinen Reisen aus China zurückkehrte.

Da kam also jemand nach Jahren zurück und berichtete nicht nur von großen Reichtümern, nein – der Mann war voller Begeisterung von den Errungenschaften und Fortschritten in China. Er erzählte mit Respekt von Kublai Khan, dem Enkel des schrecklichen Dschinghis Khan, zeugte ihm und dem Volk der Mongolen, das den Menschen in Europa als die grausamen primitiven Tataren bekannt war, Zuneigung und Anerkennung.

Das widersprach so allem, was man damals von den gefürchteten Mongolen wusste. War es da ein Wunder, dass man ihm nicht glaubte?

Die drei Goldtafeln

Der Vater Niccolò Polo und sein Onkel Maffeo waren bereits vor der gemeinsamen Reise mit Marco auf einer ersten Handelsreise bis nach China gelangt. Sie erwarben das Vertrauen des Kublai Khan und erhielten von ihm drei Goldtafeln, die für sie als Passierscheine dienten. Von den Tafeln schreibt Maffeo in seinem Testament von 1310. Auch Marco Polo soll im Besitz solcher Tafeln gewesen sein.

Die Große Mauer erwähnt Marco nicht

Eines der häufigsten und vielleicht auch einfachsten Argumente gegen die These, das Marco Polo in China war, ist der Hinweis darauf, dass er nirgendwo über die Große Mauer berichtet. Dieses enorme Bauwerk, das sich praktisch durch ganz China schlängelt, kann er doch nicht einfach übersehen haben!

Nun, das ist ganz einfach: Als Marco Polo nach China reiste, existierte sie in der heutigen Form noch gar nicht.

Auf weiten Strecken, vor allem im Westen (Dunhuang, Taklamakan-Wüste) bestand die Mauer aus Wällen und Lehmwänden. Diese waren, wie auch die kleineren Steinmauern im Osten, im 13. Jahrhundert kaum noch im Gebrauch und weitgehend verfallen. Also im wahrsten Sinne des Wortes “nicht der Rede wert”. Die Große Mauer machte als Bollwerk gegen die Völker des Nordens während der mongolischen Yuan-Dynastie keinen Sinn.

Erst sehr viel später, während der Ming- und Qing-Dynastien, gewann die Befestigung wieder an Bedeutung und wurde gewaltig ausgebaut.

Chinesische Schrift

Die Besonderheiten der Chinesischen Schriftzeichen und anderes wird von Polo nicht erwähnt. Das finde ich auch etwas problematisch. Ich denke, dass er als hochrangiger Beamter die chinesische Schrift erlernt hat.

Wenn er als Abgesandter des Khans zur Steuerprüfung ins Land geschickt wurde, geht das doch gar nicht ohne Chinesisch-Kenntnisse. Das wird wahrscheinlich so selbstverständlich für ihn gewesen sein, dass er es überflüssig fand, das extra zu erwähnen.

Es wird auch gesagt, dass Marco Polo überhaupt kein Chinesisch sprach und schon gar nicht lesen konnte. Es kann natürlich sein, dass er als hochrangiger Beauftragter des Khans über Dolmetscher und Schreiber verfügte.

Yangzhou und das Salz

In seinen Berichten beschreibt Polo sehr ausführlich die Formen der Salzproduktion und den Salzhandel in Yangzhou. Dort soll er fast 3  Jahre lang gelebt haben. Seine Schilderungen über die vielen Facetten der Salzgewinnung sind so speziell und detailliert, dass manche Wissenschaftler keine Zweifel haben, dass diese nur durch eingehende persönlicher Erfahrung vor Ort möglich sind.

Erstaunlich exakt ist auch seine Beschreibung der Herstellung von Meersalz am Beispiel Changlus. Die von ihm geschilderte Methode, nämlich die Auslaugung von mit Salz angereicherten Erden und das Sieden der dadurch gewonnenen Sole in großen Eisenpfannen, stimmt haargenau mit chinesischen Berichten aus der Yuan-Zeit überein. Keinesfalls konnte er das in den Salzmonopolgebieten Venedigs beobachtet haben, denn dort wurde Salz in Becken mittels natürlicher Verdunstung gewonnen.

Hinzu kommen sehr gute Ortskenntnisse. So werden Namen von Orten rundum Yangzhou erwähnt, die man heute noch nachweisen kann. Seine Beschreibung der Reise von Peking nach Yangzhou lässt drauf schließen, dass er alten Poststraßen folgte, die aus anderen Quellen bekannt sind.

Die Marco Polo Brücke in Peking

Marco Polo Brücke in Peking

Marco Polo Brücke

In Peking gibt es die berühmte Marco Polo-Brücke, die in dem Reisebericht von Polo ausführlich erwähnt wird. Daran scheiden sich die Geister. Die Brücke existiert tatsächlich. Aber in der Beschreibung finden sich Ungenauigkeiten. So stimmt die Zahl der Bögen nicht. Mancher Forscher meint deshalb, dass die Details über die Brücke von anderen Berichten abgeschrieben wurden.

Andererseits ist der Reisebericht viele Male mit der Hand vervielfältigt worden, bis er endlich gedruckt wurde. Auch dabei können sich Fehler eingeschlichen haben.

Marco Polo und die Frauen

Zu den Berichten, die man schon früh ins Reich der Phantasie verwies, gehören die Geschichten über die 10.000 Frauen des Khans oder auch die Gastprostitution in manchen Gegenden China. So heißt es, dass es in manchen Dörfern Brauch war, einem Gast zum Willkommen die Tochter des Gastgebers als Gesellschaft für die Nacht anbot. Marco Polo schreibt dazu, dass in den Augen der Mongolen Jungfräulichkeit keine erstrebenswerte Eigenschaft war.

Diese Beschreibungen waren relativ positiv, was im katholischen Venedig nicht gut ankam. Bei späteren Abschriften fehlen diese Stellen manchmal.

Ein besonderes Phänomen, die chinesischen Lotosfüße, hat er gar nicht erwähnt. Das hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass das Binden der Füße bei den Mongolen verpönt war. Wahrscheinlich hat er vornehme chinesische Frauen, wie es Brauch war, gar nicht zu Gesicht bekommen.

Marco Polo wird in alten chinesischen Schriften nicht erwähnt

Nun, da ist zunächst die Frage: Wie lautete sein Name auf Chinesisch oder Mongolisch? Das ist nicht bekannt. Die chinesische Sprache, die nicht auf Buchstaben, sondern auf Silben basiert, tut sich schwer damit, Namen anderer Sprachen zu übernehmen.

Aktuelles Beispiel: 默克尔  Mò kè ěr Dahinter verbirgt sich der deutsche Familienname Merkel.

Nun haben chinesische Forscher in alten Aufzeichnungen den Namen “Bo luo” entdeckt. Das war ein hochrangiger Beamter am Hof Kublai Khans. Manche seiner Aufgaben scheinen denen von Marco Polo geglichen zu haben.

Insgesamt gibt es wenige schriftliche Aufzeichnungen aus der Yuan-Dynastie. Deshalb ist es kein Wunder, dass bislang noch nichts über Marco Polo gefunden wurde.

Die chinesische Prinzessin

Arghun (mongolisch ᠠᠷᠭᠦᠨ Arġun; ca. 1258; † 7. März 1291) war von 1284 bis 1291 der vierte Herrscher der mongolischen Ilchane. Er ließ durch drei Gesandte seinen Großonkel und Verbündeten Kublai Khan darum bitten, ihm eine neue Braut zu schicken. Die Wahl fiel auf die 17-jährige Kököchin (Blaue oder Himmlische Dame). Marco Polo wurde (nach Darstellung seines Buches, nicht aber der chinesischen Quellen) die Aufgabe anvertraut, die Prinzessin auf dem Seeweg nach Persien zu geleiten.

Der Weltreisende schiffte sich 1291 gemeinsam mit den persischen Gesandten, der Prinzessin und etwa 600 weiteren Personen auf 14 Dschunken ein. Die Flotte fuhr durch den Indischen Ozean nach Persien. Die Reise dauerte zwei Jahre. So kam Marco Polo zurück nach Venedig.

Auch wenn der Name Marco Polos nicht in den chinesischen oder persischen Quellen vorkommt, so wird das Ereignis auch vom Hof des Kublai Khan und in Persien übereinstimmend mit dem Bericht von Polo beschrieben.

Es bleibt spannend!

Die Frage, ob Marco Polo wirklich in China war, entfacht immer neue Diskussionen. Der eine Forscher ist überzeugt davon und legt Beweise für die Wahrheit des Reiseberichts vor. Der nächste Forscher legt voller ehrlicher Überzeugung Gegenbeweise vor.

Auf jeden Fall sind die “Reisen des Marco Polo” eine spannende und hochinteressante Lektüre!

Quellen

https://www.venediginformationen.eu/kuenstler/marco-polo/marcopolo.htm

Wikipedia

War “Il Milione” wirklich in China?
Eine ausführliche und gründliche Studie chinesischer Quellen des Sinologen Hans Ulrich Vogel von der Universität Tübingen erbringt neue, überzeugende Anhaltspunkte, dass der berühmteste Reisende des Mittelalters tatsächlich im Reich der Mitte war.

https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/marco-polo-entdecker-oder-luegner-dokumentation-100.html

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