Wu Zetian – Monster oder Buddha?

Wu Zetian, eine bemerkenswerte Frau. Sie ist in China berühmt als erste und einzige Kaiserin Chinas, berühmt auch als kluge, intrigante und grausame Frau und Herrscherin.

Geht nicht! Gibt’s nicht!

Eine Frau kann niemals chinesische Kaiserin werden? Diese Geschichte beweist das Gegenteil! Du sagst, da gab es doch Cixi, die um 1900 lebte! Ja, aber Cixi war niemals offiziell regierende Kaiserin. Sie war mächtig und hat ihren Sohn, den schwachen Kaiser Guangxu, beherrscht, doch immer nur im Hintergrund die Fäden gezogen. Wu Zetian ist darüber hinausgegangen und hat ganz offiziell eine Zeit lang den Titel der männlichen Kaiser (皇帝 huángdì) getragen.

Ich liebe starke Frauen! Zeigen ihre Geschichten doch, wie viel eine Frau erreichen kann! Die Recherchen zu diesem Artikel haben mich in ein spannendes Leben vor rund 1300 Jahren entführt. Ich habe mich regelrecht fest gelesen und werde diesen Artikel sicherlich noch manches Mal ergänzen.

Wu Zetian – Familie und Kindheit

Ihr Geburtsname war Wu Zhao 武 照. Sie wurde 624 oder 625 zu Beginn der Tang-Dynastie (618 – 907) in einer wohlhabenden Familie geboren. Ihr Vater, Wu Shihuo 武士彠 (559–635), war ursprünglich Holzhändler, ihre Mutter (579–670), war die Tochter einer einst einflussreichen chinesischen Familie, die während der Sui-Dynastie (589–618) geherrscht hatte.

Wu Zetian als Budhha

Wu Zetian als Buddha – (c) Gerlind Böwer, ombidombi.de

Im zarten aber durchaus üblichen Alter von 13 Jahren kam sie in den Palast von Kaiser Taizong als niederrangige Konkubine. Sie bekam vom Kaiser den Namen Meiniang (媚娘) und die Aufgabe, die Aktivitäten der anderen Konkubinen zu protokollieren und dem Kaiser darüber zu berichten. Ihre Ausbildung war umfassend. Wu Zhao konnte schreiben, lesen und kannte sich in Philosophie, Geschichte und Verwaltung aus.

Ob sie allerdings jemals dem Kaiser begegnete oder gar das Bett mit ihm teilte, ist fraglich. Jedenfalls bekam sie in der Zeit am Hof von Taizong in Chang’an (heute Xi’an) keine Kinder.

Konkubine des Kaisers Taizong

Während der Regierung des Kaiser Taizong erreichte China eine Ausdehnung, die vom Chinesischen Meer bis nach Zentralasien reichte. Handel und Kunst blühten. Die Seidenstraße brachte Reichtum und auch viele kostbare philosophische Einflüsse nach Chang’an. Man nannte es das “Goldene Zeitalter”.

Als Kaiser Taizong 649 starb, war Wu Zhao gerade erst 24 oder 25 Jahre alt. Als kaiserliche Konkubine, die keinen Sohn geboren hatte, kam eine Verbindung mit einem anderen Mann für sie nicht infrage. Deshalb wurde sie ins buddhistische Kloster Ganye geschickt und lebte dort eine Weile zurückgezogen als Nonne.

Konkubine und Kaiserin

Im Jahre 650 wurde Gaozong, der neunte Sohn von Taizong, Kaiser. Bei einem Aufenthalt im Kloster Ganye sah er die schöne Nonne und verliebte sich unsterblich in sie. Er holte sie als seine Konkubine zurück an den Kaiserhof.

Mit der Geburt ihre ersten Sohnes 651 wurde Wu Zhao die Favoritin des Kaisers. Damit erlangte sie große Macht und Einfluss auf die Staatsgeschäfte.

Das gefiel der eigentlichen Kaiserin Wang gar nicht. Es kam zu vielen Intrigen und Machtkämpfen. Wu Zhao, die später Wu Zetian hieß, lies sich das nicht bieten. Kaiser Gaozong war ziemlich schwach und bot kaum Gegenwehr.

Shanghai Museum Figur aus der Tang-Dynastie

Dame aus der Tang-Zeit. Das Schönheitsideal damals war eine pummelige Figur.

Grausames Monster?

Es heißt, dass Wu Zhao so weit ging, dass sie ihre eigene neugeborene Tochter tötete, um Kaiserin Wang aus dem Weg zu schaffen.

Als Wu Zhao eine Tochter geboren hatte, kam die Kaiserin, das Kind zu sehen und zu liebkosen. Nachdem sie wieder fort war, erstickte Wu Zhao das Kind heimlich unter der Decke. Als dann der Kaiser kam, plauderte sie fröhlich mit ihm; doch als er die Decke zurückschlug, war das Kind tot. Entsetzt fragte er die Diener, und die sagten ihm:‚Die Kaiserin war gerade hier…‘ (Xin Tangshu, lebte während der Tang-Zeit)

Kaiserin Wang wurde der Hexerei angeklagt und verlor nun zunächst alle Privilegien. Nachdem sie hingerichtet worden war, wurde Wu Zhao offizielle Kaiserin.

Auch wenn die Geschichte von der Kindstötung wenig wahrscheinlich ist und möglicherweise erst von späteren Chronisten erfunden wurde, so setzte sie sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen fest. Es wurden weitere Fälle von Grausamkeit bekannt. Dies alles begründete den Ruf von Wu Zetian als skrupellose und grausame Frau.

Die Quellenlage über Wu Zetian ist sehr widersprüchlich. Eine Frau auf dem Herrscherthron, die wie Wu Zhao den Buddhismus vor allen anderen Religionen favorisierte, passte den konfuzianisch geprägten Hofbeamten gar nicht. Viele Dokumente vernichteten die Beamten später oder sie verstärkten und erfanden Geschichten, die den grausamen Charakter der Wu Zetian zeigen sollten.

An der Macht

An der Seite von Kaiser Gaozong erlangte Wu Zhao weitreichende Macht. Sie regierte defacto das Reich “hinterm Vorhang”. Während dieser Zeit gab es einige Kriege, u.a. mit dem koreanischen Silla-Reich.

Nach dem Tod Gaozongs 683 wurden seine Söhne nacheinander für kurze Zeit Kaiser. Doch immer regierte Kaiserin Wu Zhao im Hintergrund. Wer ihr nicht passte oder ihr die Stirn bot, wurde kaltgestellt, hingerichtet oder ermordet.

Das betraf auch die Söhne des Kaisers. 675 soll sie den Kronprinzen Li Hong ermordet haben. 679 wurde der neue Kronprinz, Li Xian, eines Komplottes gegen den Kaiser beschuldigt und zum Selbstmord gezwungen. Weitere Söhne Gaozongs wurden in die Verbannung geschickt. So konnte der Sohn Wu Zetians bei Gaozongs Tod im Dezember 683 als Kaiser Zhongzong die Regierung übernehmen. Der regierte allerdings nur kurz.

690 bestieg Wu Zhao mit Unterstützung der Buddhisten selbst den Thron. Es fanden sich immer mehr Leute, die ihr den Kaiserthron zusprachen, obwohl sie eine Frau war. Nachdem sie sich eine Weile formal gegen diese Petitionen gesträubt hatte, legte sie sich den Kaisertitel (Huangdi) zu, ihr Sohn musste abdanken. Der Buddhismus wurde im Gegenzug 691 zur Staatsreligion erhoben.

Die positive Seite der Wu Zhao

Tang Dynaastie DameBei all diesen Geschichten über Intrigen und grausame Morde, die keineswegs alle belegt sind, sollte man nicht vergessen, dass Wu Zetian viel für Kultur, Bildung und Wohlstand der Bevölkerung getan hat. Sie förderte die Religionen Daoismus und Buddhismus, was den meisten Beamten, die eingefleischte Konfuzianer waren, stets ein Dorn im Auge war.

Während des Anfangs der Tang-Dynastie erreichten die Menschen ein höheres Lebensalter und sie waren meistens gut ernährt. Wu Zhao bemühte sich auch um einer Reform der Verwaltung und des korrupten Beamtentums, was ihr nicht nur Freunde brachte.

Sie führte neue Schriftzeichen. Unter anderem änderte sie auch das Schriftzeichen für ihren Namen vom gewöhnlichen 照 Zhao in 曌 Zhao.

Rebellion – Durchsetzung der Macht

Bereits Mitte 684 kam es zu einer Rebellion. Wu Zhao wurde mehrerer Morde beschuldigt: Ihre Mutter soll sie vergiftet haben, ihr Kind und ihre älteren Brüder getötet und auch Kaiser Gaozong ermordet haben. An der Rebellion gegen die Kaiserin waren Mitglieder der Kaisersippe Li, Prinz Li Jingye führte die Revolte an, sowie ranghohe Beamte der Zentralverwaltung beteiligt. Auf die Bevölkerung selbst griff die Rebellion nicht über.

Wu Zhao verlegte daufhin die Hauptstadt des Reiches nach Luoyang und ließ dort die buddhistischen Longmen-Grotten ausbauen. Dabei erzählt man sich von einer Besonderheit:

Die Longmen-Grotten bei Luoyang

Die größte Grotte, Fengxian, wurde im Jahr 675 fertiggestellt. Der Bau dieser Grotte wurde von Wu Zetian, der einzigen Kaiserin Chinas, durch 20.000 Guan (1 Guan = ein Bund von 1.000 aufeinandergesteckten Messingmünzen) finanziert. Sowohl unter architektonischem als auch unter bildhauerischem Aspekt bildet die Fengxian-Grotte den Höhepunkt der chinesischen bildenden Kunst.

Longmen Grotten

Longmen – Foto pixabay

Die Skulpturen der Grotte wirken lebendig, lebensnah und sind ästhetisch angeordnet. In der Mitte der Grotte befindet sich eine kolossale sitzende Statue der Boddhisattva Vairocana (Wikipedia) mit ihrem gütigen Gesicht. Diese Figur ist 17 Meter hoch und hat einen 4 Meter hohen Kopf mit zwei 1,9 Meter langen Ohren. Beidseitig von ihr stehen ehrerbietige Schüler. Man sagt, dass dieser Buddha die Gesichtszüge der Kaiserin Wu Zetian trägt. (Quelle german.china.org.cn)

Wu Zetian – eine Nymphomanin?

Neben der Machtgier und Grausamkeit der Kaiserin wird in alten Chroniken auch ihre Sexbessenheit bis ins hohe Alter gerne kolportiert. So soll der politisch einflussreiche Mönch Yue Huaiyi, der ihr geholfen hatte, an die Macht zu gelangen, auch ihr Liebhaber gewesen sein. Es gibt gegenwärtige Wissenschaftler, die vor allem den Sex im Alter für unwahrscheinlich halten: Denn “welche Frau hat schon Sex mit über 60!”

Titel und Namen

Ihre zahlreichen Titel und Namen

Lady Wu (maiden style) 624–637
Cairen (才人) (5th ranked imperial consort) 637–649
Zhaoyi (昭儀) (Second and first ranked imperial consort) 650?–655
Empress consort (Huanghou (皇后)) 655–683
Also known as Heavenly Empress consort (Tianhou (天后)) 674–683
Empress dowager (Huang Taihou (皇太后)) 683–690
Also known as Shengmu Shenhuang (聖母神皇) 688–690
Empress regnant (Huangdi (皇帝)) 690–705
Shengshen Huangdi (聖神皇帝) 690–693
Jinlun Shengshen Huangdi (金輪聖神皇帝) 693–694
Yuegu Jinlun Shengshen Huangdi (越古金輪聖神皇帝) 694–695
Jinlun Shengshen Huangdi 695
Tiance Jinlun Dasheng Huangdi 695–705
Zetian Dasheng Huangdi (則天大聖皇帝) 705
Posthumous empress consort titles
Zetian Dasheng Huanghou (則天大聖皇后) 705–710
Tianhou (天后) 710
Dasheng Tianhou (大聖天后) 710–712
Tianhou Shengdi (天后聖帝) 712
Shenghou (聖后) 712–716
Zetian Huanghou (則天皇后) 716–749
Zetian Shunsheng..
Huanghou (則天順聖皇后) (final version)
Wikipedia

Wu Zetian bedeutet übrigens “Wu, dem Himmel entsprechend”.

Das Ende von Wu Zetian

Mitte 703 wurde Kaiserin Wu Zhao ernstlich krank und war ans Bett gefesselt. Es kam zu einem Staatsstreich, hinter dem die Familie der Ex-Kaiserin Wei stand, der Frau Zhongzongs. Die Männer der Palastwache bahnten sich den Weg zur Kaiserin Wu Zhao, richteten zwei ihrer Minister (die Zhang-Brüder) hin und zwangen Wu Zetian zur Abdankung zugunsten Zhongzongs. Sie starb wenige Monate später eines natürlichen Todes. Bis zu ihrem Tod behielt sie den Kaiserinnen-Titel bei.

Das Grab Qianling bei Xi’an

Ungefähr 80km nordwestlich von Xi’an befindet sich das Grab von Wu Zetian, die dort zusammen mit Kaiser Gaozong beerdigt wurde. Ein riesiger Grabhügel und ein beeindruckender Seelenweg können heute besucht werden. Wie Ihr unschwer erkennen könnt, habe ich das Qianling-Grab bei Kälte und Schnee besucht. Trotzdem war es eine eindrucksvolle Besichtigung!

Qiangling bei Xi'an

Auf dem Land beim Grab der Wu Zetian

Der Seelenweg ist sehr beeindruckend. Er beginnt mit zwei achteckigen Säulen und geflügelten Pferden. Das ungewöhnliche steinerne Paar Strauße war ein Geschenk aus Afghanistan.

Auffallend ist die Gruppe von 61 lebensgroßen Statuen ohne Kopf am Ende des Weges. Sie repräsentieren die ausländischen Gesandten, die beim Begräbnis von Wu Zetian zugegen waren. Der Name jedes Einzelnen und das Land, aus dem er kam, ist in den Rücken der Statuen eingraviert. Es ist nicht bekannt, warum die Figuren alle ohne Kopf dastehen. Manche sagen, dass dies schon auf Veranlassung der Kaiserin geschah, die damit ihre Macht demonstrieren wollte. Das ist aber sehr unwahrscheinlich.

Grab der Wu Zetian

Statuen von Beamten beim Grab der Wu Zetian

Informationen zum Besuch des Grabes

Infos Stand 07.2020
乾陵 Qianling

Eintrittspreis:
Mar. – Nov.: RMB 100
Dez. – Feb.: RMB 80

Öffnungszeiten:
Mar. – Nov.: 08:00-18:00
Dec. – Feb.: 08:30-17:30

Anfahrt:

1. Take a train from Xi’an Railway Station to Qianxian, and then take local Bus 1 to Qianling.
2. Take a long distance bus from Xi’an West Bus Station to Qian County. After arrival, local bus 2 will take you to Qianling Mausoleum.

Es gibt organisierte Touren, die außer Qianling auch noch den berühmten Famen-Tempel anfahren. Da man ausreichend Zeit bei den Sehenswürdigkeiten hat, ist dies eine bequeme Möglichkeit, viel in der Umgebung von Xi’an zu sehen. Diese Ausflüge werden in den Hotels und Hostels angeboten. Einfach an der Rezeption fragen!

Quellen

Links

Starke Frauen in der Geschichte Chinas

Statue von Fu Hao in Anyang

Statue von Fu Hao in Anyang

Ulrike
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6 Kommentare

  • Ja, verflixt. Es gibt noch so viele Orte in China, die ich noch gar nicht kenne,und nun wünschte ich, ich hätte vor meinen Reisen nach Luoyang und Xi’an schon mehr über Wu Zetian gewusst. Muss ich wohl dann doch noch mal in die Richtung. 🙂

    “Es gibt gegenwärtige Wissenschaftler, die vor allem den Sex im Alter für unwahrscheinlich halten: Denn “welche Frau hat schon Sex mit über 60!”” – Erst musste ich lachen, aber eigentlich glänzen diese Wissenschaftler mit Unwissen. Passt wohl nicht ins Weltbild, eine mächtige Frau, die auch noch Sex hat….

    Danke für den interessanten Artikel! 🙂

    • Liebe Linni! Ich war selbst leider noch gar nicht in Luoyang! Und wenn ich Deine tollen Berichte lese, geht es mir ähnlich! China bietet so viele interessante Orte, selbst in Peking hab ich noch lange nicht alles gesehen!
      LG
      Ulrike

  • Was für eine faszinierende Persönlichkeit! Danke, dass du sie uns in deinem interessanten Blogbeitrag nahe bringst, und dabei auch Irrtümer beseitigst – ich war nämlich bislang der Meinung gewesen, Cixi, über die Pearl S. Buck einen wie ich finde sehr eindringlichen und spannenden Roman geschrieben hat, sei chinesische Kaiserin gewesen.

  • Nemorino

    Eine fesselnde Geschichte. Ich wusste nicht, dass China jemals eine Kaiserin hatte.

Ich freue mich über Deinen Kommentar!