Märchenhafte Seidenstraße – Geschichte und Geschichten

Die Seidenstraße – alte Handelswege von China bis Rom.

“Reisen – es lässt dich sprachlos, dann verwandelt es dich in einen Geschichtenerzähler.” – Ibn Battuta im 14. Jh.

Buchara

Buchara

Wenn man durch Zentralasien und China reist, stößt man überall auf Relikte und Geschichten der alten Seidenstraße. Die Spuren sind unübersehbar. Geschichten von der Seidenstraße faszinieren die Menschen seit Jahrtausenden.

Die Seidenstraße – uralter Handelsweg von Rom bis China

Wie mag es wohl gewesen sein, wenn man nach einem anstrengenden Tag unterwegs abends Rast in einer Karawanserei machte?

Die Händler in ihren vom Wüstenstaub gelben Gewändern sitzen um das Feuer versammelt. In ihre Gesichter haben Sonne und Wüstenstaub tiefe Falten gegraben. Der Duft von würzigen Fleischspießen durchzieht die milde Luft, im Hof brüllt ein Kamel. Dazu das Konzert der Zikaden. Die richtige Zeit für eine Geschichte. Vielleicht diese hier:

Prinzessin Liu Xijun
Vor langer, langer Zeit wuchs am Hof des chinesischen Kaisers die chinesische Prinzessin Liu Xijun. Damals heiratete man nicht einfach so aus Liebe. Der Vater, Kaiser Wudi, hatte großes Interesse daran, mit den Königreichen im Westen verbunden zu sein. Die Karawanen, die mit ihren wertvollen und interessanten Waren die Wüsten durchquerten, sollten sicher sein.

Deshalb sandte er Prinzessin Liu Xijun als Ehefrau dem König von Wusun. Sie war mit ihrem Schicksal sehr unglücklich und beklagte sich in einem überlieferten Gedicht:

Frau im Seidenkleid

Junge Frau, Terrakotta-Figur aus dem 2. Jh. v. Chr.

„Mein Volk hat mich in eine entfernte Ecke der Welt verheiratet, mich in ein fremdes Land gesandt. Das runde Zelt ist nun mein Palast, seine Wände sind aus Filz, getrocknetes Fleisch ist meine einzige Nahrung, gegorene Stutenmilch mein Getränk. Ohne End träume ich von meiner Heimat, und mein Herz ist verletzt. Oh, könnte ich doch der Schwan sein, der in seine Heimat zurück fliegt!”

Damit ihr Leben etwas komfortabler war, sie wenigstens den Luxus der Seide hatte, nahm sie heimlich in ihrer Hochfrisur einige Seidenraupen mit. So kam die Seide nach Westchina.

Prinzessin Liu Xijun starb schon 5 Jahre nach ihrer Ankunft in Wusun mit 25 Jahren. Das war letztlich kein Problem für den Kaiser. Er schickte nun seine Tochter, Prinzessin Liu Jieyou. Sie heiratete den König von Wusun und bekam 5 Kinder.

Der Handel an der Seidenstraße war nun sicher und florierte.

Geschichte der Seidenstraße

Die Seidenstraße darf man sich nicht als Autobahn zwischen A und B vorstellen. Archäologen haben Artefakte gefunden, die einen weitreichenden Handel zwischen Zentralasien, Indien und China schon vor 3.000 Jahren belegen. Es bildeten sich nach und nach Karawanenwege, auf denen die Händler je nach Ziel und Wetter immer neue Möglichkeiten fanden, ihre Waren weiterzutransportieren.

Um die Zeitenwende gab es gute Verbindungen mit gekennzeichneten Pfaden über die Gebirge und durch die Wüsten. Karawansereien boten den Händlern Unterkunft und eine Möglichkeit, ihre Lastentiere ausruhen zu lassen oder zu wechseln. Diese Karawansereien waren eine zentrale Stelle für den Austausch von Informationen über den Zustand der Wege und anderer Nachrichten.

In der Karawanserei

In der Karawanserei in Buchara

Alte Handelswege
Die Tabula Peutingeriana, eine Straßenkarte aus dem 4. Jahrhundert, zeigt die Wege, die schon damals weit in den Osten reichen. 70.000 Meilen römischer Straßen, 3.000 Namen von Städten und Orten sowie 500 geographische Namen sind darauf verzeichnet.

Peuteringia Karte

Kopie der Tabula Peuteringiana –

Zu meinem großen Entzücken fand ich beim Studieren der Karte am äußersten rechten Rand der Karte zuerst Samarkand, dann Indien und schließlich Seres. Die Römer nannten China damals “Seres” (das Land der Seidenmenschen).

Da die damaligen römischen Straßen nicht bis China führten, hört die Karte dort auf. Man hatte anscheinend auch keine Vorstellung von dem riesigen Seres. So bleibt es bei dem Namen, klitzeklein am Rand der Karte.

In einem 1.500 Jahre alten Grab bei Xi’an wurden mehrere Goldmünzen aus dem Oströmischen Reich gefunden: Eine ist während der Regierung von Kaiser Anastasius I. (491 – 518) geprägt worden.

Die Blüte der Seidenstraße in China war während der Tang-Dynastie (617 – 907), als Xi’an, das damals Chang’an hieß, Hauptstadt war. Die Stadt hatte im 8. Jahrhundert schon erstaunliche 1 Million Einwohner. Der Handel brachte Wohlstand und eine kulturelle Blüte.

Gehandelt wurden vor allem Seide, Gewürze, Gold und Jade.

Übrigens wurde auch Tee über die Seidenstraße in die Welt transportiert. Diese alten Handelswege spiegeln sich in den unterschiedlichen Bezeichnungen wider. Der Tee, der über die Seidenstraße u.a. nach Indien gelangte, kam aus Zentralchina, wo er “cha” hieß. In Indien wird er noch heute “Chai” genannt. mehr

Nach der Tang-Zeit kamen lange Zeiten, in denen der Handel entlang der Seidenstraße in China mal mehr mal weniger zum Erliegen kam. Kriege und Uneinigkeiten der Völker im Westen Chinas und Zentralasiens erschwerten den Handel.

Im 16. Jahrhundert breitete sich Xenophobie bei den chinesischen Kaisern aus. Kaiser Jiajing verbot Mitte des 16. Jahrhunderts den Außenhandel ganz. Doch solche Verbote ließen sich schlecht durchsetzen oder überwachen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts erreichten Kamelkarawanen die Hauptstadt Peking.Seidenstraße Kamele in der Taklamakan Wüste

Geschichte der Seide
Der Ursprung der Seide liegt etwa im 3. Jahrtausend v. Chr. und ist eher von Legenden umrankt, als dass es genaue Jahreszahlen gäbe. Der Sage nach soll in China der legendäre Kaiser Fu Xi als erster auf den Gedanken gekommen sein, Seidenraupen zur Herstellung von Gewändern zu nutzen. Fu Xi gilt auch als Erfinder eines mit Seidenfäden bespannten Saiteninstruments.

Die Sage nennt noch einen weiteren berühmten Kaiser: Shennong, den „Gott des Ackerbaus“, der das Volk gelehrt haben soll, Maulbeerbäume und Hanf anzubauen, um Seide und Hanfleinen zu gewinnen. Xiling, die Gattin des Gelben Kaisers Huáng Dì, hat angeblich im 3. Jahrtausend v. Chr. dem Volk die Nutzung von Kokons und Seide zur Herstellung von Kleidungsstücken beigebracht.

Mühsame Wege

Wenn ich mir die Landschaften ansehe, durch die sich die Karawanen quälen mussten, so kann ich kaum Worte finden für meine Bewunderung für die Menschen, die steile Gebirgspässe und endlose Wüsten überwanden.

Pamir bei Sonnenaufgang

Die schneebedeckten Gipfel des Pamir-Gebirges

Die Wüsten waren eine der Herausforderungen, die von den Händlern gemeistert werden mussten. Zum Beispiel die Kisilkum-Wüste (Kysylkum), eine 200.000 qkm große Kies- und Sandwüste in Zentralasien. Heiß, trocken, staubig.

Quer durch ging nicht, also mussten lange Umwege zurück gelegt werden. So auch um die Taklamakan-Wüste im Westen Chinas, wo sich eine nördliche und eine südliche Route der Seidenstraße herausbildete.

Ruinen von Subashi

Ruinen von Subashi, einer buddhistischen Klosterstadt bei Kucha, China

Zwischen diesen Wüsten liegen die Berge des Pamir, Kunjerab, Tianshan und mehr. Teilweise um die 7.000m hoch. Hochebenen auf 3.000 und 4.000m Höhe zerrten an den Nerven und an der Gesundheit. Pässe, die über 5.000m hoch waren, galt es zu überwinden.

Viele taten es nicht nur für den Profit.

Seidenstraße auf Chinesisch

Seidenstraße in verschiedenen Sprachen: (chinesisch 丝绸之路, Pinyin Sīchóu zhī Lù – „die Route / Straße der Seide“; mongolisch ᠲᠣᠷᠭᠠᠨ ᠵᠠᠮ Tôrgan Jam; kurz: 絲路 / 丝路, Sīlù, persisch: جاده ابریشم). Die Bezeichnung geht auf den im 19. Jahrhundert lebenden deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen zurück, der den Begriff 1877 erstmals verwendet hat. (Wikipedia)

Graffiti an alten Karawanenwegen

An vielen Stellen entlang der heute als Seidenstraße bekannten Handelsrouten haben die Menschen ihre Geschichten und Gedanken in die Felswände geritzt. Das ist wenig bekannt. Meistens liegen die Stellen heute schwer erreichbar  in abgelegenen Tälern.

Diese Petroglyphen geben einen Eindruck davon, dass Handeln und Wandern entlang der Seidenstraße sehr weit in die Prähistorie zurückreicht. Ich selbst habe die Felszeichnungen in der Nähe des Hunza-Tals in Pakistan gesehen.

Petroglyphen am Karakorum Highway

Petroglyphen am Karakorum Highway

In Xinjiang gibt es eine interessante Stelle mit vielen alten Petroglyphen: Shimenzi

Eine weitere interessante Fundstätte ist Tamgaly in Kasachstan.

Es gibt sicherlich noch sehr viel mehr. Wenn Ihr weitere Orte kennt, freue ich mich über einen Hinweis!

Anrüchige Entdeckungen

Traditionen der Hygiene
1992 entdeckten Archäologen im Nordwesten Chinas in einer alten Latrine an der alten Seidenstraße sogenannte „Hygienestöcke“ – Holz- oder Bambusstöcke, die mit Tüchern umwickelt waren und wohl der Säuberung dienten.

Der Stoff an den 2.000 Jahre alten Stöcken war augenscheinlich mit menschlichen Exkrementen beschmiert. Eine mikroskopische Analyse der Fäkalien bestätigte, dass sie eine Reihe von Parasiten enthielten, die man im menschlichen Darm finden kann.

Dieser Befund wird auch von historischen Texten gestützt, die auf Stöcke und Spatel verweisen, die im alten China und Japan benutzt wurden.

Auch im Bereich Toilettenpapier war China allen anderen voraus. Der früheste Verweis darauf findet sich in den Aufzeichnungen von Yen Chih-Thui. Der Gelehrte aus dem 6. Jahrhundert hatte offenbar Zugang zu entsorgten Manuskripten, schrieb aber, dass er es nicht wage, sich „mit den Namen von Weisen“ nach dem Toilettengang zu säubern.

Eine ähnliche Papiernutzung scheint deutlich älter zu sein. Forscher vermuten, dass Hanfpapier, wie es im Grab des Kaisers Wu Di aus dem zweiten Jahrhundert gefunden wurde, auf Latrinen benutzt wurde, da es zu rau und grob war, um darauf zu schreiben. Nationalgeographic

Keine Grenzen für Religionen

Buddhismus: Wie Perlen an einer Kette reihen sich buddhistische Höhlenheiligtümer aneinander entlang der Seidenstraße. Sie markieren die alten Handelswege, über die auch der Buddhismus nach China gelangte.

Ob Bamian in Afghanistan, die Grotten von Dunhuang, die Yungang-Grotten bei Datong und andere Tausendbuddha-Grotten dazwischen. Sie alle sind Zeugen von der Geschichte der Seidenstraße in China und Zentralasien. Ja, man kann sogar eine deutliche zeitliche Reihenfolge erkennen, wobei die ältesten im Westen zu finden sind. Dort haben manche Gesichter und Statuen deutliche baktrisch-griechische Züge.

In vielen der erhaltenen Fresken kann man Kleidung aus Indien oder Zentralasien erkennen. Manch ein europäisch anmutendes Gesicht trägt einen dunklen Bart. Gen Osten hin werden die Darstellungen immer eindeutiger Chinesisch geprägt.

Dem Christentum war eine Verbreitung östlich Kleinasiens – abgesehen von wenigen Ausnahmen – erst mit dem Beginn des Sassaniden-Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr. möglich. Auch wenn es nie zur dominanten Religion in Zentral- und Ostasien wurde, nutzten die Christen nachweislich die Seidenstraße, um bis an die chinesische Grenze vorzustoßen.

Zur Zeit des Mongolenreiches war das nestorianische Christentum, das auf den griechischen Theologen Nestorius zurückzuführen ist, eine kulturelle Waffe, mit der man rechnen musste.Bezeklik

Die Verbreitung des Christentums war eher bescheiden im Vergleich zu der des Islams, die die anderer Religionen bei weitem übertraf. Nach dem Tod Mohameds 632 n. Chr. begann sich der Islam schnell über die arabische Halbinsel zu verbreiten. In den nächsten hundert Jahren eroberte er eine alte römische Provinz nach der anderen: Zuerst Syrien, dann Ägypten und ganz Nordafrika.

Bald war auch der westliche Teil der Seidenstraße und damit der transasiatische Handel unter islamischer Kontrolle. Nach der Eroberung des Persischen Reiches setzte sich die Expansion in östlicher Richtung fort.

Der Islam verbreitete sich zunächst in den städtischen Zentren entlang der Seidenstraße, später in den ländlichen Gegenden. Auch in Zentralasien, China, Bengalen und später in Indonesien entstanden islamische Gemeinden, allerdings ohne militärische Eroberung oder politische Absorption.

Id Kah Moschee in Kashgar

Id Kah Moschee, Kashgar

Auch die Religionen des Zoroastrismus und des Manichäismus − beides Lehren persischen Ursprungs − wurden über die Seidenstraße verbreitet. Die Juden kamen durch den Handel bis nach Xi’an und weiter. Eine kleine jüdische Gemeinde hat sich bis ins 19. Jahrhundert in Kaifeng erhalten.

Sklavenhandel

Ein Handelsgut entlang der Seidenstraße waren Sklaven. In alten Gräbern bei Turfan am Rand der Taklamakan-Wüste haben Archäologen interessante Funde gemacht.

Gut erhaltende Hüte und Schuhe haben sich als wahre Fundgrube erwiesen. Denn man hatte einst alte Verträge beim Ausfüttern recycled. Als man diese Dokumente genauer untersuchte, fand man, dass es sich bei einigen um Kaufverträge über Sklaven handelte, die genaue Auskunft über Geschlecht, Herkunft der Sklaven und die Namen der Käufer gaben.

Während der Tang-Dynastie (617 – 907) war besonders der Sklavenhandel entlang der Seidenstraße in China so wichtig, dass die chinesischen Kaiser das Möglichste taten, um die Sicherheit der Karawanen zu gewährleisten.

Militärische Garnisonen wurden ausgebaut, die Ausläufer der Großen Mauer im äußersten Westen wie Feuersignaltürme instand gehalten. Die Opfer, also die Menschen, die als Sklaven den Händlern folgen mussten, waren häufig Kinder aus armen Familien. Quelle: Mongols China and the Silk Road

Der Apfel und sein Ursprung an der Seidenstraße

Die Wurzeln des modernen Apfels stehen im Tianshan-Gebirge Kasachstans – von hier kommt der Großteil des genetischen Materials, wie Studien gezeigt haben. Der heutige Apfel enthält Spuren von mindestens vier Wildapfelarten.

Über die Seidenstraße begannen die Händler auch den Apfel zu transportieren. Archäologen fanden Apfelkerne in vielen Stätten Eurasiens. Entlang der Seidenstraße konnten sich die Sorten miteinander vermischen und größere Früchte hervorbringen – ein sogenannter Hybrid war entstanden. Almaty in Kasachstan ist noch heute berühmt für seine Äpfel.

“Der Handel entlang der Seidenstraße hat wahrscheinlich die Entwicklung des Apfels ermöglicht, den wir heute kennen.”, schreibt das Max Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Weiter: “Letztlich scheint der Apfel in unserer Küche seine Existenz ausgestorbenen grasenden Landsäugetieren und den Händlern der Seidenstraße zu verdanken.”

Übrigens kommt heute mindestens jeder 10. Apfel in unserem Supermarkt aus der chinesischen Provinz Shaanxi.

Apfel Dalo

Äpfel auf einem Markt in China

Auch Tee wurde über die Seidenstraße gehandelt. Nach Europa fand dieser Handel erst ab dem 17. Jahrhundert statt.

Allerdings fand man Teeblätter, ungefähr 1.800 Jahre alt,  in Gräbern bei Ngari in Westtibet. Das wird von Wissenschaftler als Nachweis dafür gesehen, dass ein Zweig der Seidenstraße durch Tibet führte. Denn Tee wächst nicht in Tibet und muss importiert worden sein. Quelle: upi.com

Welche Waren aus dem Westen interessierten die Chinesen?

Die Seidenstraße wird nach dem schon von den Römern heißbegehrten Handelsgut aus dem Osten, der Seide, benannt. Doch natürlich ist so ein Handel keine Einbahnstraße. So gelangten neben Gold auch Glas und Traubenwein nach China.

Wertvolle Dinge aus weit entfernten Ländern waren in den reichen Haushalten geschätzte Statussymbole. Leider finden die Forscher nur sehr selten 2.000 Jahre altes Glas und anderes in chinesischen Gräbern.

Die Katze der Seidenstraße

Bei Ausgrabungen in Kasachstan hat man das vollständige Skelett einer Katze gefunden. Neueste Untersuchungen (2020) zeigen, dass es sich um eine Hauskatze handelt, die von den Nomaden liebevoll gepflegt wurde, und zwar schon vor mehr als 1.000 Jahren.

Die Siedlung Dhzankent, in der die Überreste der Katze gefunden wurden, befand sich an einem alten Handelsweg. Laut der Forscherin Haruda sei der Fund ein Indiz für einen kulturellen Austausch zwischen den Regionen, die an der Seidenstraße lagen. mehr

Katze

Verbreitung von Krankheiten

Ich möchte nicht verschweigen, dass auch Krankheiten sich entlang der Handelsrouten verbreiteten.

Das wohl bekannteste und folgenreichste Beispiel ist die Ausbreitung der Pest im 14. Jahrhundert: In den 1330er Jahren brach in China die Beulenpest aus. Die hochansteckende Seuche befiel hauptsächlich Nagetiere und wurde über Flöhe auf den Menschen übertragen. Lange Zeit trat sie nur in der südchinesischen Provinz Yunnan auf. Im frühen 14. Jahrhundert verbreiteten Mongolenheere infizierte Flöhe von Yunnan aus über weite Teile Chinas.

Von dort aus drang die Beulenpest rasch entlang der Seidenstraße vor und erreichte über Handelsschiffe aus Kaffa auf der Halbinsel Krim 1348 Mitteleuropa. Vor allem der Transport von Pelzen begünstigte ihre schnelle Verbreitung.

Ich gerate ins Schwärmen

Ich habe das Glück gehabt, zweimal die Routen der Seidenstraße bereisen zu können. Es ist ein unglaubliches Gefühl, den Khunjerab-Pass oder das Pamir-Gebirge überwunden zu haben. Ich habe einen Sandsturm in der Taklamakan-Wüste erlebt und die süßen Melonen von Turfan gekostet.

Die Pracht von Städten wie Samarkand und Buchara hat mich überwältigt. Die Tausendbuddha-Grotten von Kizil und Bezeklik haben mich nachdenklich verstummen lassen. Ich bin eingetaucht in die bunten Märkte des Orients, in Osh, Taschkent und Kashgar.

Ich habe mit Bauern auf dem Viehmarkt von Kashgar geplaudert und mit den Frauen in Abidjan getanzt.

Meine Reisen entlang der Seidenstraße haben mir unglaubliche Eindrücke beschert, die ich nie vergessen werde! Ich bin dankbar, dass ich das erleben durfte!

Sonntagsmarkt in Kashgar 1992
Zwischen den Fettschwanzschafen, den Ziegen und den kleinen dunklen Rindern fühle ich mich wie mitten in einem Dokumentarfilm. Ich scheine in eine Traumwelt geraten zu sein. So etwas erlebt man doch nicht selbst! So etwas sieht man nur im Fernsehen!

Kashgar an der Seidenstraße

Sonntagsmarkt in Kashgar

Wie im Traum schaue ich den jungen Männern zu, die Pferde probereiten. Mit Sachkenntnis im Blick stehen die würdigen alten Männer am Rand. Die meisten haben kurze gepflegte Bärte. Ich habe das Gefühl, von Patriarchen umgeben zu sein. Staub liegt über dem Gelände. Zwei Männer besiegeln ein Geschäft mit Handschlag. Keiner beachtet mich.

Kamele sehe ich leider nicht. Hinterher sagt mir jemand, dass nicht jeden Sonntag Kamele verkauft werden. Außerdem werden Kamele nicht mehr so oft wie früher in der Landwirtschaft gebraucht.

Fasziniert gehe ich weiter. In der „Obstabteilung“ werden getrocknete Früchte angeboten. Die Aprikosen kommen aus dem Hunza-Valley in Pakistan. Rosinen in vielen Farben und Größen aus der Umgebung von Turfan. Riesige Berge von Wassermelonen und gelben Hami-Melonen säumen eine Gasse.

An einer Stelle gibt es Verkaufsstände mit Zucker, der in großen Brocken angeboten wird. Manche Zuckerkristalle sind in rot, grün oder blau gefärbt. Die Farben der Wolle leuchten unbeschreiblich. Der ganze Markt ist ein endloses Farbenspektakel. Auch Möbel und Kinderwiegen werden hier verkauft.

Wiegen Sonntagsmarkt in Kashgar

Will mich unter Hirten mischen,
An Oasen mich erfrischen,
Wenn mit Karawanen wandle,
Schal, Kaffee und Moschus handle;
Jeden Pfad will ich betreten
Von der Wüste zu den Städten

Goethe

Westöstlicher Diwan

Länder der Seidenstraße

China

Hauptstadt: Peking

Wo Ihr der Geschichte und dem Flair der Seidenstraße ganz nahe kommt: Xi’an – Lanzhou – Jiayuguan – Dunhuang – Turfan – Kucha – Kashgar – Khotan

Einst verlief die Seidenstraße quer durch das heutige China. Viele Orte zeugen vom Handel und der kulturellen Blüte. Noch zum Anfang des 20. Jahrhunderts erreichten Kamelkarawanen die Hauptstadt Peking.

Kamel Pingyao

Baktrisches Kamel in Pingyao – Erinnerung an die Glanzzeiten der Seidenstraße

Rundum die Taklamakan-Wüste ist die Seidenstraße noch immer prägend. Weitere Orte, wo man dem Geist der Seidenstraße nachspüren kann, sind Datong, Xi’an oder Lanzhou.

Mein China Steckbrief

Kirgistan

Hauptstadt: Bishkek

Wo Ihr der Geschichte und dem Flair der Seidenstraße ganz nahe kommt: Osh

Kirgistan in Zentralasien bietet viel Gebirge und von Nomaden geprägte Hochtäler. Der Ort, wo heute noch die Waren von West nach Ost und von Ost nach West gehandelt werden, ist Osh. An manchem Marktstand mit Gewürzen kann man sich gut vorstellen, wie das hier schon vor tausend Jahren und mehr zugegangen ist.Gewürzverkäuferin

Kirgistan auf Wikipedia

Usbekistan

Hauptstadt: Tashkent

Wo Ihr der Geschichte und dem Flair der Seidenstraße ganz nahe kommt: Buchara – Samarkand – Chiva

Usbekistan ist ein Traum der Seidenstraße. Großartige Städte mit ihren blauen Moscheen und bunten Märkten zeugen vom Reichtum, den der Handel der Seidenstraße brachte. Weite Steppen und einsame Wüsten prägen das Land, Hier ist der Islam vorherrschend. Besonders sehenswert sind die Städte Buchara, Samarkand und Chiva.Samarkand Moschee Bibi Khanum

Usbekistan auf Wikipedia

Turkmenistan

Hauptstadt: Asgabat

Wo Ihr der Geschichte und dem Flair der Seidenstraße ganz nahe kommt: Merw

Turkmenistan ist das Land der Eroberer. Vor allem die uralte Stadt Merw möchte ich erwähnen:

Alle mächtigen Herrscher wie Alexander der Große, Dschingis Khan oder Timur kamen hierher und eroberten die reiche Stadt Merw oder plünderten sie. Doch aufgrund ihrer immensen Bedeutung für die Seidenstraße wurde sie immer wieder aufgebaut. Und das ist auf dem Gelände deutlich zu sehen, denn hier sind Baustile aller Kulturen von Zentralasien vertreten.

Das schreibt Helga vom Blog Trolley Tourist. Dort findet Ihr noch mehr Artikel zu Turkmenistan.

Margiana Turkmenistan, geflügelter Löwe

Mosaik aus einem Königsgrab – Margiana

Meine bislang einzige Begegnung mit Turkmenistan war der Besuch der großartigen Ausstellung über die Funde aus Margiana im Hamburger Archäologischen Museum.

Tadschikistan

Hauptstadt: Duschanbe

Wo Ihr der Geschichte und dem Flair der Seidenstraße ganz nahe kommt: Duschanbe – Iskandarkul – Chodschand

Afghanistan

Azerbaidschan

Pakistan

Iran

Irak

Weitere kurze Länderbeschreibungen folgen – 01-2021

Marco Polo, der legendäre Reisende

Auch der berühmte Venezianer Marco Polo reiste im 13. Jahrhundert auf den alten Wegen der Seidenstraße durch Zentralasien bis nach China. Er brachte so erstaunliche Geschichten aus fernen Ländern mit, dass manche Menschen heute noch bezweifeln, dass er wirklich nach China kam. Zum Beispiel:

Die weitere Reise führte über die Orte Ischkaschim, Qala Panja, 1274 über die am Westrand der Sandwüste Taklamakan gelegenen Stadt Kaschgar weiter entlang der Südroute der sich dort aufzweigenden Seidenstraße auch zur Oasenstadt Nanhu.

 

Marco Polo berichtet hier von „Geistern, die einen Nachzügler fortlocken konnten, indem sie ihn mit Stimmen riefen, die denen seiner Gefährten täuschend ähnelten. Und nicht selten meinte man, verschiedene Musikinstrumente, besonders Trommeln, zu vernehmen“. Heute wird als Ursache für solche Sinnestäuschungen der durch die Dünen wehende Sand oder pfeifender Wüstenwind angenommen. Wikipedia

New Silkroad

Unter dem Motto “One Belt, One Road” erlebt die Seidenstraße eine neue Blütezeit.

“Das Projekt One Belt, One Road (OBOR, chinesisch 一帶一路 / 一带一路, Pinyin Yīdài Yīlù ‚Ein Gürtel, eine Straße‘) beziehungsweise Belt and Road Initiative (BRI) bündelt seit 2013 die Interessen und Ziele der Volksrepublik China unter Staatspräsident Xi Jinping zum Auf- und Ausbau interkontinentaler Handels- und Infrastruktur-Netze zwischen der VR China und über 60 weiteren Ländern Afrikas, Asiens und Europas.

Die Bezeichnung Neue Seidenstraße (新絲綢之路 / 新丝绸之路, Xīn Sīchóuzhīlù) stellt die Verbindung zur historischen Seidenstraße her – wie auch beispielsweise beim Konkurrenzprojekt Verkehrskorridor Europa-Kaukasus-Asien (TRACECA).” (Wikipedia)

Seidenstraße zur See

Auch wenn ich hier schwerpunktmäßig über die Seidenstraße, die über Land führte, schreibe, möchte ich erwähnen, dass zunehmend von einer Seidenstraße zur See gesprochen wird.

Seit uralten Zeiten hat der Handel auch per Schiff von Südchina entlang der Küsten Südasiens bis nach Arabien und Afrika stattgefunden. Zeugnisse davon sind z.B. Porzellanscherben aus China, die an der Küste Ostafrikas gefunden wurden.Maritimes Museum Dschunke aus Elfenbein

Der legendäre chinesische Seefahrer Zheng He hat um 1500 einige Fahrten mit mehreren Hundert großen Dschunken, den sog. Schatzschiffen, entlang der Küsten Südostasiens und Indien im Auftrag des chinesischen Kaisers durchgeführt.

Nachdem sich China im 15. Jahrhundert für einige Hundert Jahre dem Kontakt mit dem Ausland verschloss, kam der Handel bis in den Orient, vor allem der Seehandel, zum Erliegen.

Links

Impressionen

Samarkand - Schah-e Sende

Samarkand

Buchara - Reiher an der Fassade

Turfan Basar

Seidenkokons werden ausgekocht

Jurte am Pamir Highway in Kirgistan

Bevölkerung CHina: Minderheiten

Kashgar 1992

Eierverkäufer in de Handwerkergasse

Yungang Grotten Felswand

Yungang Grotten bei Datong

Ulrike
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12 Kommentare

  • Ganz lieben Dank!

  • Wow! Das ist ja ein ganzer Reiseführer! Mit so vielen Infos und diesen ganzen schönen einzelnen Geschichten! Toll gestaltet! Die Seidenstraße hat so viele Facetten, und da Wüsten und Berge meine Lieblings-Landschaften sind, zieht es mich schon lange da hin und ich verpasse auch im TV keine Doku darüber. Vielen Dank für diese ganz individuellen Einblicke!
    Liebe Grüße
    Angela

  • Pingback: Seidenstrasse, Peking bis nach Rom, Handelsweg, Austausch Kultur

  • Pingback: Zheng He und die Schatzschiffe des Kaisers | Bambooblog Hamburg

  • Danke! Viele Völker Zentralasiens sind ja eng verbunden mit der Türkei. Ich hab nicht wirklich alle Schreibweisen für “Chai” aufgelistet. Aber so kann man gut sehen, welchen Weg der Tee bis zur Türkei genommen hat.
    Beste Grüße
    Ulrike

  • Mehmet

    Hallo Ulrike.
    Erst mal danke für diesen schönen Bericht.
    Nebenbei wollte ich nur kurz anmerken, dass Tee nicht nur in Indien heute noch “chai” genannt wird sondern auch in der Türkei, und zwar “Çay” (Tschai). Und dank dir weiss ich jetzt auch warum die Stadt in Kasachstan Almaata (türkische Schreibweise) heisst. Ich wusste zwar, da ich ja Türke bin, das Alma Apfel bedeutet (in der Türkei mittlerweile “Elma”), und Ata Vorfahre bzw. Ahn, Vater, Ursprung etc., aber nicht das der Apfel ursprünglich aus dieser Region stammt.
    Auch auf die Gefahr hin, dass du das alles schon weißt 🙂

  • Hallo Marius!
    Danke für Deinen Kommentar!
    Ich freue mich, wenn die Welt weiter zusammenwächst. Ich freue mich über den Austausch nicht nur von Waren sondern auch von Ideen, Kultur und Freundschaft. Im Moment beobachte ich erstmal die Entwicklung. Bin schon gespannt auf den Moment, wo man auch als Reisender einen Zug von Hamburg bis Peking nutzen kann.
    LG
    Ulrike

  • Marius

    Aktuell kann man ja fast täglich etwas Neues über die “Neue Seidenstraße” in den Medien lesen und sehen. Deine Meinung dazu würde mich interessieren – wie stehst du dazu? Viele Grüße!

  • Danke für die lieben Worte! Eines Tages wirst Du selbst dorthin reisen. Dann bin ich gespannt auf Deinen Bericht!
    Liebe grüße
    Ulrike

  • Eva Maria Nielsen

    Toll geschrieben Ulrike. Mein Sohn wurde dort geboren und deshalb fasziniert mich gerade diese Gegend. Sie liest sich ein wenig wie der Bericht eines Fantasy-Romans, so exotisch und farbig. Sehr gerne würde ich in einigen Jahren diese Reise selbst machen.

  • Danke für den Hinweis! Die Sendung habe ich gesehen.
    Beste Grüße!
    Ulrike

  • Bilder und Berichte über die Seidenstraße sind stets viel, viel Wasser auf die Mühlen meiner Phantasie! Tausend Dank dafür, liebe Ulrike.
    Es gibt übrigens eine neue und zweiteilige Doku über die neue Seidenstraße, sie wurde vor einigen Wochen erst ausgestrahlt, und findet sich bestimmt noch in der Mediathek.
    Liebe Grüße!

Ich freue mich über Deinen Kommentar!