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Dujiangyan Bewässerungssystem – langweilig?
Bewässerungssystem: das hört sich nach Technik an, nach Landwirtschaft, nach Langeweile. Das hab ich wie viele auch gedacht und hatte mich bis zu meinem FAM-Trip nach Chengdu nicht aufraffen können, dorthin zu fahren, obwohl ich mehrfach in Chengdu gewesen bin. Diesmal kam ich nicht drumherum, gehörte der Besuch des Dujiangyan Bewässerungssystems zum offiziellen Programm.
Ich war mittlerweile ganz gespannt darauf zu sehen, was vor allem die Chinesen in großen Scharen dorthin treibt. Mittlerweile weiss ich auch, welch große Bedeutung die Zähmung der Flüsse und Fluten für China in seiner Geschichte immer wieder gespielt hat.

Schon vor mehreren Tausend Jahren hatte es ein mystischer König aufgrund seiner Fähigkeit, den Gelben Fluss und seine Überschwemmungen zu bezwingen, zum Gott gebracht. Noch heute wird er in einem prachtvollen Tempel verehrt: Der Yao-Tempel in Shanxi.
Auch in anderen Orten in China wird man die Menschen mit großer Verehrung von Leuten sprechen hören, die den häufigen todbringenden Überschwemmungen der großen chinesischen Flüsse Einhalt geboten. Da darf man auch mal drüber nachdenken, was Deng Xiaoping mit dem Drei-Schluchten-Staudamm am Yangtze erreichen wollte.
Dujiangyan 都江堰; pinyin: Dūjiāngyàn
In Dujiangyan ist es ähnlich. Verschiedene Staudämme und Rückhaltebecken regeln die Fluten des Min-Flusses, verhindern Überschwemmungen und leiten Wasser zur Bewässserung in das Rote Becken. Diesem Wasser verdankt die Kornkammer Sichuans seine Fruchtbarkeit. Das ist alles nicht erst jetzt in modernen Zeiten mit moderner Technik entstanden, sondern tatsächlich schon vor 2.300 Jahren!

Die Entstehungsgeschichte
Erbauer dieses meisterhaften Systems ist Li Bing, Gouverneur und Berater des Königs Zhaoxiang von Qin (r. 306–251 v. Chr.). Li Bing werden viele große Taten zugeschrieben. Wen wundert’s, dass er schließlich den Flussgott bezwang und nun auch in einem Tempel wie ein Gott verehrt wird?
Die Legende
Einst hatte man im Reich Qin vor allem das Problem, dass das Land immer wieder austrocknete und die Ernten verdorrten. Deshalb versuchte man, die Fluten des Min-Flusses, der zwischen 6.000 Kubikmetern und 500 Kubikmetern Wasser führen konnte, zu bändigen und gleichmäßiger zu verteilen.
Dabei gab es aber ein Problem mit der Bevölkerung. Die Bewohner des Roten Sichuan-Beckens waren damals überwiegend Animisten und verehrten den Fluss Min wie einen Gott. Diesen mit Dämmen und Kanälen zu „beschädigen“, war nicht angesagt. Man versuchte den Flussgott zu besänftigen, indem man eine Braut für ihn suchte. Der lokalen Regierung war das ein Dorn im Auge. Sie erkannten das als Aberglauben, der die einfache Bevölkerung unter Druck setzte. Um die Situation in Griff zu bekommen, errichtete Li Bing einen Tempel für den Flussgott. Dann bot er dem Flussgott seine eigenen Töchter als Bräute an.
Ein großes Hochzeitsmahl wurde am Flussufer organisiert. Doch der Gott rührte sein Essen und seinen Wein nicht an. Das war eine schwere Beleidigung für Li Bing. Mit gezogenem Schwert stellte er sich zwei Bullen, die den Flussgott symbolisierten, entgegen. Diese waren für die Show vorher abgerichtet worden. Für die abergläubische Bevölkerung sah es so aus, als ob Li Bing mit dem Flussgott kämpfte. Er rief einen Offizier zur Hilfe, der die Bullen schließlich tötete. Damit war der Flussgott besiegt.
Soweit die Legende. In Wirklichkeit setzte Li Bing die Bauarbeiten an dem Dujiangyan Bewässerungssystem mit Hilfe von Tausenden Arbeitern aus der Bevölkerung fort. Er schuf damit ein technisches Meisterwerk, das bis heute fast unverändert funktioniert. Li Bing wurde in der Song-Dynastie posthum zum König ernannt, was sehr ungewöhnlich ist und die Bedeutung Li Bings für die Chinesen unterstreicht.

Dujiangyan heute
Noch heute kann man die Struktur der Anlage erkennen, die alten Dämme und Felsdurchbrüche. Auch das schwere Erdbeben von 2008 hat dem Dujiangyan Bewässerungssystem nicht viel anhaben können. Nur viele der Pavillons, Tempel und Brücken stürzten ein und wurden in den letzten Jahren wiederaufgebaut und restauriert.
Seidenstraße – Tee- und Pferdestraße
Heute besinnt man sich auch auf weitere touristisch interessante Aspekte des Ortes, wie ein Schild am Eingang verrät: Hier soll einst die Tee- und Pferdestraße begonnen haben, der alte Karawanenweg, der über den Osthimalaya nach Lhasa in Tibet führte. Und auch die südliche Seidenstraße soll hier ihren Anfang haben, ein 2000 Jahre alter Handelsweg über Yunnan nach Indien.
Ich wage zu behaupten, dass gerade das fruchtbare Sichuanbecken schon viel früher rege Handelsbeziehungen in alle Richtungen hatte. Viele der in Sanxingdui gefundenen Artefakte zeigen deutliche Ähnlichkeiten mit denen von alten Völkern im Westen und Norden auf dem Gebiet des heutigen Chinas.
Heute hat sich rundum die Bewässerungsanlage ein riesiger Touristenkomplex entwickelt. Die Häuser sind im Stil der Qing-Dynastie errichtet, was sehr hübsch aussieht. Entlang von Kanälen kann man bummeln, Kaffee trinken und Souvenirs kaufen. Vieles beruht auf alten Traditionen und auch originale alte Gebäude kann man entdecken. Es gibt auch eine Moschee. Außerdem hat man eine Panda-Aufzuchtstation eingerichtet, die vor allem nach dem Erdbeben von 2008 an Bedeutung gewann, als die Station von Wolong zerstört wurde.

Mein Besuch in Dujiangyan 2016
Ich habe trotz des permanenten Regens den Besuch sehr genossen. Mich haben die Menschenmengen sehr erstaunt, die trotz Regens an einem ganz normalen Dienstag unterwegs waren. Leider habe ich meine Gruppe schnell verloren, so dass ich eine Weile alleine rumgelaufen bin. Ich bin die Treppe zum Fulong-Tempel hochgestiegen, von dem man sagt, dass dies die Stelle ist, wo Li Bing den Flussgott bezwungen hat.

Dort waren nicht so viele Besucher. Der Blick auf die Flusslandschaft mit den im Nebel verschwimmenden Hügeln machte mich neugierig. Wenn ich Zeit gehabt hätte (und das Wetter besser gewesen wäre), hätte ich gerne noch die Hügel und Wälder erkundet.
Der Besuch von Dujiangyan wird meistens als Tagesausflug von Chengdu aus angeboten zusammen mit dem Besuch des Qingcheng Berges, einem dem Daoismus heiligen Berg mit zahlreichen Tempeln und einer schönen Natur. Wir sind auch weiter zum Qingchengshan gefahren. Darüber später mehr!

Infos (09-2020)
Eintrittspreis: RMB 80,- pro Person
Öffnungszeiten: 08:00 – 18:00 Uhr
Anfahrt: Es gibt einen Hochgeschwindigkeitszug von Chengdu nach Dujiangyan, Dauer rund 30 Minuten
Links
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- Emeishan
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Impressionen 2016





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