Fernweh versus Inneren Frieden

Ich habe schon einige Male über das Thema “Reisesehnsucht” geschrieben (hier und hier). Eine aktuelle Blogparade hat mich nun dazu gebracht, noch einmal über das Fernweh nachzudenken und neue Gedanken niederzuschreiben.

Meer bis zum Horizont

Was ist Reisesehnsucht?

Wen der Reisebug gebissen hat, wird kaum noch von der Sehnsucht zu reisen loskommen. Zunächst wird die Reisesehnsucht als etwas Positives angesehen. Was kann es auch Schöneres oder Beglückenderes als das Reisen geben? Der Reisende lässt die Sorgen und die Mühen des Alltags zurück.

Kein Staubwischen oder Kloputzen, kein norddeutsches Schmuddelwetter, keine “typisch deutschen” Regeln und Vorschriften. Die Menschen, die einem unterwegs begegnen, scheinen meistens freundlich und immer lächelnd. Und was der Reisende sonst an speziellen Vorstellungen und Träume mit sich trägt.

Zwei, drei, vier Wochen oder gar Monate und Jahre nicht zur Arbeit gehen zu müssen, das “Hamsterrad” verlassen zu können, ist für viele Inbegriff der Freiheit. Schon oft habe ich gelesen oder gehört, dass jemand sagt: “Nur auf Reisen bin ich so richtig glücklich!”

Das finde ich schwer zu akzeptieren. Meistens stimmt es auch nicht in seiner Absolutheit. Es wäre doch außerordentlich schade, wenn das Glück auf die kurze Zeit des Urlaubs beschränkt wäre!

Sucht und Leiden

“Nur wer die Sehnsucht kennt,
weiß was ich leide!”
Johann Wolfgang von Goethe

„Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken.“

Novalis in “Heinrich von Ofterdingen”

Fernweh und die Sucht

Fernweh, Reisesehnsucht – beide Wörter deuten auf einen höchst bedenklichen Aspekt hin. In beiden ist der Schmerz und die Abhängigkeit enthalten.

Sucht ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die Abhängigkeit von einer Substanz oder einem Verhalten.” Caritas

Auch viele Synonyme sind nicht ganz ohne! Kurz mal gegoogelt:

Wunschtraum, Gier, Bedarf, Begierde, Drang, Bedürfnis, Wunsch, Durst (ugs., fig.), Appetit (auf), Trieb, Lust (auf), Wunsch (nach), Verlangen (nach)

Im Grunde kommt da einiges an schrecklichen Begriffen zusammen: Sucht, Gier, Trieb, Verlangen.

Nun ist mir auch der folgende Satz aufgefallen : “Zuvor (vor Corona – Anmerkung der Redaktion) war das Fernweh der Weg hin dazu, Träume zu verwirklichen. Heute ist es für mich fast unerträglich, weil nichts mein Fernweh lindern kann.”, geschrieben von einer Weltenbummlerin und Reisebloggerin.

Will ich das wirklich?

Leiden, Sucht, getrieben vom Fernweh, immer unterwegs sein müssen, immer weiter hinter den Horizont gucken wollen – ja, das hat etwas von Sucht und Abhängigkeit von einem bestimmten Gefühl! Und wie bei einer Sucht merkt der Betroffene häufig nichts davon.

Mich hat mein Fernweh dazu gebracht, dass mein Wunsch, diese Sucht zu befriedigen, groß genug wurde, auszusteigen und auf eine Reise mit unbestimmten Ende zu gehen. Doch schon nach wenigen Wochen hatte ich genug von Unrast und dem ständigen Drang, weiter zu müssen.

Aber ich wusste, dass ich nur diese einmalige Gelegenheit hatte, dass ich wahrscheinlich nicht noch einmal auf große Reise gehen würde. Also gab ich nicht auf, machte eine Pause und reiste weiter. Aber das Bewusstsein, dass ich eine Getriebene war, blieb.

Sonnenuntergang - Fernweh pur.

Mein Ziel: Innerer Frieden

Ich entschied mich irgendwann dazu, dass ich nicht mehr abhängig sein wollte, abhängig vom Fernweh. Ich wollte nach wie vor reisen, aber nicht reisen müssen.

Schon vor Jahren hat mich ein wenig der Neid gepackt, wenn ich Menschen begenete, die in ihrem ganzen Leben kaum aus ihrem Heimatdorf herausgekommen und doch glücklich waren. Was war ihr Geheimnis?

Großvater und Enkel

Ein Großvater mit seinem Enkel in einem Dorf bei Dali in Yunnan, China.

Er schien mit leichtem Amusement auf die Touristen zu schauen, die gerade sein Dorf stürmten.

Mit der Zeit bin ich ihrem Geheimnis auf die Spur gekommen! Ob bewusst oder unbewusst, sie haben ihren inneren Frieden gefunden!

Innerer Frieden

beginnt in dem Moment,

in dem du dich dafür entscheidest,

dass weder eine andere Person

noch ein Ereignis

deine Gefühle kontrollieren.

Pema Chödron, buddhistische Nonne

Dann habe ich mich aufgemacht, meinen Inneren Frieden zu finden. Ein buddhistisches Meditationsretreat war ein guter Start. Seitdem meditiere ich regelmäßig.

Mittlerweile hat ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit im Hier und Jetzt mein Gefühl des Fernwehs abgelöst.

Nicht immer, aber immer öfter!

Sehnsucht auf Chinesisch

渴望 • kěwàng • durstig + beobachten, schauen

怀旧 • huáijiù • an etwas denken + alt, vergangen = Nostalgie

思​往​他​乡 • sī wǎng tā xiāng • denken + an, nach + sein + Ort = Fernweh haben

Also sind auch im Chinesischen das Fernweh und die Sehnsucht mit einem Gefühl des Mangels verbunden.

Erste Hilfe bei akutem Fernweh

Fernweh ist ein Schmerz, den nur der wahre Reisende nachvollziehen kann. Auch ich kann mich dem Fernweh nicht immer entziehen, Innerer Frieden hin oder her!

Wie gerne würde ich manchmal in einem Teehaus in Chengdu meinen Tee schlürfen und Leute beobachten! Oder endlos durch das fantastische Hauptstadt-Museum in Peking streifen! Die kleinen Gassen von Pingyao, die fröhlichen Naxi-Frauen in Lijiang, die Karstberge von Yangshuo.

Aber wozu wohne ich in Hamburg, einem touristischen Hotspot?! Wenn mich das Fernweh packt, muss ich nicht weit gehen, um meinen Schmerz zu lindern.

Landungsbrücken

An den Hamburger Landungsbrücken spazieren gehen, die Schiffe auf der Elbe zu sehen und ein Krabbenbrötchen essen: Was kann es Schöneres geben! Dann gebe ich mich ganz dem Fernweh hin. Doch auch Zufriedenheit breitet sich aus.

Die Welt ist schön! Ganz nah!

Im McDonald's in Kunming

In China und Asien ist der Kaffee bei McDonald’s gut und preiswert und ich kann dort in Ruhe meine Zeitung lesen, mein Tagebuch schreiben und einfach ein wenig von dem Trubel der chinesischen Straßen Abstand gewinnen. McDonald’s sieht überall auf der Welt gleich aus. Auch der Kaffee schmeckt überall gleich. Deshalb gehe ich Kaffeejunkie, wenn’s Fernweh zu schlimm wird, in Hamburg zu McD.

Lieblingschinese

Hamburg mit der größten chinesischen Gemeinschaft in Deutschland bietet viele Gelegenheiten, authentisches chinesisches Essen zu genießen. Ein Besuch beim Chinesen am Fleet mit seiner scharfen Hunan-Küche ist immer wieder ein großartiges Mittel gegen Fernweh für mich.


Fernweh ist für mich auch unabhängig vom Wetter. Ich träume nicht im deutschen Winter und seinem Schmuddelwetter von hellen Stränden unter tropischer Sonne. Überhaupt mag ich Strandurlaub nicht so gerne

Nach einem Weihnachten unter Palmen in Thailand 1991 weiß ich, dass ich das nicht will. Ich liebe die ausgeprägten vier Jahreszeiten in Europa. Deshalb habe ich auch keine Schwierigkeiten mit einem winterlich kalten China. Im Gegenteil! Im Winter ist China meistens ohne viele Touristen, der Himmel ist häufig klar. Man muss sich nur warm einmummeln. Dafür gibt es in China wunderbar kuschelige Daunenjacken ganz preiswert zu kaufen.

Die großen Reisenden

Ihr seht schon, ich bin nicht die große Reisende, auch wenn meine Liste aller Reisen in den Augen vieler sehr beeindruckend aussieht.

Zum Schluss möchte ich daran erinnern, dass die Menschheit heute anders aussähe, wenn es nicht immer schon die Menschen gegeben hätte, die sich voller Neugier und Entdeckerlust aufgemacht haben, das Land hinter dem Horizont zu erkunden.

Hätte der frühe Mensch jemals Afrika verlassen, ohne dieses Fernweh? Hätte Columbus jemals Amerika entdeckt?

Die vielen Männer, die sich aufmachten, die Welt zu erkunden, sind bekannt: Alexander von Humboldt, Charles Darwin, James Cook usw.

Aber auch Frauen haben sich auf Reisen begeben. Leider sind die meisten Namen schon fast vergessen: Alexandra David-Neel, die lange durch Tibet reiste, oder Amelia Earhart, die als US-amerikanische Pilotin und als erste Frau 1932 bei einem Solo-Flug den Atlantischen Ozean überflogen hat.

Nicht zu vergessen all die unzähligen Frauen, die klaglos bei den Wanderungen mitgemacht haben und halfen, die Erde zu besiedeln.

Ich bewundere diese Entdeckerinnen und Entdecker sehr.

Fazit

Solange ich nicht in mein geliebtes China reisen kann, habe ich in Hamburg die optimale Umgebung, um mich manchmal fast wie in China zu fühlen. Ich finde es gar nicht schlimm, zuhause zu bleiben.

Ich meditiere regelmäßig und erfreue mich an interessanten Spaziergängen in der unmittelbaren Umgebung.

Meinen Inneren Frieden zu finden, ist mein Ziel, wichtiger als alle Reisen.

Blogparade

Dieser Artikel ist in Teilen schon mal bei einer Blogparade vom Blog Ferngeweht dabei gewesen. Nun gibt es dort wieder eine Blogparade mit dem Titel “Fernweh 2021“. Also habe ich den alten Artikel aufgehübscht und um meine ganz aktuellen Gedanken ergänzt.

Links

Meer bis zum Horizont steht für Fernweh.
Meer bis zum Horizont

 

Ulrike
Letzte Artikel von Ulrike (Alle anzeigen)

3 Kommentare

  • Liebe Kasia, danke für deine ausführliche und nachdenkliche Antwort! Vielleicht hätte ich vor ein paar Jahren auch so geantwortet. Doch mich haben in der jetztigen Diskussion um das Reisen Sätze wie die zitierten erschreckt. Glück gibt es auch zuhause. Und genau dort gibt es eine faszinierende Welt zu entdecken! Aber was wäre die Welt heute, ohne die großen Reisenden? Trotzdem möchte ich, gerade und besonders jetzt, nicht zuhause sitzen und nur wünschen, ich wäre woanders! Der Buddhismus hat mich gelehrt, das Glück im Hier und Jetzt zu suchen. Irgendwann werde auch ich wieder unterwegs sein.
    LG
    Ulrike

  • Kasia

    Ein nachdenklicher Beitrag. Was, wenn das Reisen nicht dazu dient, dem Alltag zu entkommen, die Routine hinter sich zu lassen und eine schöne Zeit zu haben? Was, wenn das Reisen für Menschen ein Weg ist, die Welt, wie sie ist, kennenzulernen? Orte zu sehen, die man nur aus dem Fernsehen oder noch gar nicht kennt? Fernweh ist eine Sehnsucht zu etwas hin, nicht vor etwas weg. Solange so gut wie keine Reisemöglichkeiten bestehen, hält man seine Sehnsucht still und legt sie irgendwo ab, aber ich weiß genau: wenn die ersten Reisen wieder offiziell möglich sind, wer wird dann wieder im Flieger sitzen und winken? Die liebe Kasia 🙂

    Ist Sehnsucht eine Art Sucht? Mag sein, so habe ich es aber noch nicht gesehen. Viele Menschen haben gar nicht erst das Bedürfnis, loszuziehen, weil sie sich zu Hause am glücklichsten fühlen. Andere haben nicht die Möglichkeiten dazu. Doch ob diejenigen, die das wollen, vor etwas weglaufen? Ich kann das für mich verneinen. Und selbst wenn es eine Art Sucht sein sollte; mit einem Entzug beschäftige ich mich, wenn ich tot bin 🙂

    Danke für den tiefgreifenden Beitrag; ich musste tatsächlich eine Nacht drüber schlafen, bevor ich kommentieren konnte. Und das ist immer ein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass das Geschriebene “arbeitet”.

    Liebe Grüße
    Kasia

  • Danke für Deinen Beitrag zu meiner Blogparade. Schön, dass Du mit Hamburg einen adäquaten Ersatz für China gefunden hast.

Ich freue mich auf Deinen Kommentar!